Montag, 3. November 2008

Australopithecinen



In vielen Debatten mit Kreationisten, aber zunehmend auch mit Vertretern der Paläo-SETI Fraktion wird darauf verwiesen, dass Lucy, der prominenteste Vertreter der Gattung Australopithecus afarensis, doch nichts weiter als ein kleiner Affe wäre, in den man vieles hinein interpretieren kann. Da viele der Paläo SETI Vertreter ihre Argumentation meist direkt bei den amerikanischen Kreationisten abholen, möchte ich hier eine mehr oder weniger sinngemäße Übersetzung eines Artikels von Talk Origins bringen.

Im Jahr 1950 veröffentlichte Wilfred Le Gros Clark eine Publikation, welche endgültig die Frage klären sollte, ob Australopithecus afarensis ein Affe war oder nicht. Er führte dazu eine morphologische Untersuchung der Form und Funktion von Zähnen und Kieferknochen durch, welche den Großteil der Funde von A. afarensis ausmachen. Ein Vergleich der Knochen von Menschen und modernen Affen stellte Le Gros Clark eine Liste von 11 Unterschiedlichen Merkmalen zwischen Affen und Menschen auf. Als er sich unter diesen Gesichtspunkten die Fossilien von A. robustus und A. africanus (die einzigen damals bekannten Australopithecinen) anschaute, fand er sie deutlich dem Menschen ähnlicher als dem Affen. betrachtet man die Funde von A. afarensis unter den selben Kriterien, so erscheint diese Art zwischen Menschen und Affen, möglicherweise näher am Affen als am Menschen (Johanson and Edey 1981). Auch wenn White et al. (19954) A. ramidus nicht unter den selben Kriterien untersuchten, so scheint es doch deutlich, dass A. ramidus noch Schimpansen-ähnlicher als afarensis ist. So zeigen die Armknochen von ramidus eine Mixtur aus menschlichen und äffischen Merkmalen.

Zolly Zuckerman versuchte aufgrund von Knochenvermessungen zu geigen, dass die Australopithecinen zu den Affen zählte. Diese Debatte verlor Zuckerman bereits in den 1950´er Jahren. In den folgenden jahren wurde diese Position aufgegeben (Johanson and Edey 1981). Viele Kreationisten zitieren diese n Standpunkt aber immer noch gerne so, als wenn er auch heutzutage wissenschaftlich anerkannt wäre.

Oxnard (1975) vermutete aufgrund multivariater Analysen, dass die Australopithecinen nicht näher mit den modernen Menschen verwandt sind, als es die modernen Affen sind.
Dieses Paper wird heutzutage gerne von Kreationisten zitiert. Sein Befund wurde aber von Howell et al. (1978) aufgrund verschiedener Fakten kritisiert. So basierte Oxnards Befunde auf Messungen verschiedener Knochen, die aber nur fragmentarisch und in schlechter Verfassung erhalten waren. Auch gaben die Messungen nicht die komplexe Form der Knochen wieder oder unterschieden auch nicht zwischen für die Bewegungsabläufe wichtigen Merkmalen und anderen, dafür nicht wichtigen. Letztendlich stehen eine Menge an Fakten, zusammengetragen von mehr als 30 Wissenschaftlern, Oxnards Deutungen gegenüber, für die verschiedene Untersuchungsweisen, darunter auch die von Oxnard selber, verwendet wurden und die verschiedene Körperteile betrachteten. All diese Untersuchungen zeigen deutlich, dass die Australopithecinen in vielerlei Hinsicht deutlich den heutigen Menschen ähneln und nicht den heutigen Affen.

Ein beliebtes Argument von kreationistischer Seite stellt Oxnards Qualifikation dar, und dass er bei seinen Untersuchungen Computer einsetzte. In meinen Augen ist das schon eine Art Frontbegradigung, waren doch andere Wissenschaftler ebenfalls ähnlich qualifiziert, und auch sie setzten Computer bei ihrer Arbeit ein. Gish (1993) steht auf dem Standpunkt, dass Computer niemals lügen und auch keine vorgefasste Meinung vertreten. Das ist ja nicht falsch, aber die Ergebnisse, die ein Computer produziert, können immer nur so gut oder eben so schlecht sein, wie die Daten und Annahmen, mit denen er gefüttert wurde (GIGO, Garbage in = Garbage out; Wo Müll hineinkommt, kommt auch Müll wieder heraus). In diesem Fall ist die Hauptanahme, dass Oxnards Methode eben die Beste ist, um Verwandtschaftsverhältnisse zu untersuchen. Und das mag durchaus kritisch gesehen werden, besonders wenn man die manchmal etwas exzentrischen Ergebnisse betrachtet, die Oxnard (1987) in der selben Untersuchung produziert. So stellte er beispielsweise Ramapithecus als den nächsten menschlichen Verwandten dar und sah Sivapithecus als engen Verwandten der heutigen Orang Utans. dabei sind die beiden Arten s einander so ähnlich, dass man sie heutzutage als Vertreter einer einzigen Spezies, Sivapithecus, ansieht.

In einer weniger kontrovers diskutierten Position sieht Oxnard die Austrlopithecinen als möglicherweise zweibeinig laufende Wesen, auch wenn sich ihre Bewegungen deutlich von denen der modernen Menschen unterscheiden. Diesen teil zitieren Kreationisten gerne und meist in einer verzerrten Weise, dass Oxnard belegt hätte, dass die Australopithecinen nicht aufrecht gingen. Manchmal noch mit dem Zusatz, zumindest nicht in der Art und Weise der Menschen.

Kreationisten zeien sich extrem zurückhaltend, wenn es um die Akzeptand von Australopithecis afarensis ("Lucy") als aufrecht gehendes, zweibeiniges Wesen geht. Die Feststellung von Weaver (1985), dass Australopithecus afarensis eine nahezu komplette Anpassung an das aufrechte Gehen auf zwei Beinen zeigt, wird von Willis (1987) als unsinnig zurückgewiesen: "Viele kompetente Anthropologen haben diese und andere Australopithecinen untersucht und sind zu dem Schluss gekommen, dass Lucy nicht aufrecht gehen konnte".

Wenn man sich die Belege für diese Behauptung von Willis so ansieht, so bestehen sie aus Aussagen von Solly Zuckerman von 1970, von Richard Leakey 1971, der behauptete, Australopithecinen würden auf den Fingerknöcheln gehen sowie einem Zitat von Oxnard 1975 über die Verwandschaft von Menschen, Australopithecinen und modernen Affen.
das Problem bei dieser Aufstellung ist schlicht, keine dieser Aussagen bezieht sich auf den Fund von Lucy! Um es genau zu sagen: Zwei dieser Aussagen wurden sogar _vor_ dem Fund von Lucy gemacht (Zuckerman und Leaky), und der dritte im Jahr direkt nach dem Fund, als Lucy noch nicht weitgehend untersucht worden war.

Hinzu kommt, dass der Standpunkt von Zuckerman selbst im Jahr 1970 bereits weitgehend aufgegeben worden war. Und wie Willis auf das schmale Brett kommt, Leakey würde in Lucy einen Affen sehen, der nicht aufrecht gehen konnte, bleibt ein Geheimnis. denn zum Zeitpunkt der Aussage Leakeys bis zum Fund Lucys im Jahr 1974 brauchte es noch drei Jahre. Das Gegenargument von Willis ist also augenscheinlich eine Konstruktion. Leakey hatte seine Aussage auch auf die robusten Australopithecinen gemünzt, und sie rasch wieder zurückgezogen. Und spätestens seit 1994 sieht auch er Lucy als unzweifelhaft zweibeinig. Und was Oxnard betrifft, der möglicherweise einige unorthodoxe Ansichten über Australopithecinen vertritt, so findet sich in dem von Willis angegebenen Paper keine Diskussion von Zweibeinigkeit oder A. afarensis. Und bereits in dem von Willsi zitierten Werk (1975) sieht er die Australopithecinen als möglicherweise zweibeinig. Später (1987) verdeutlicht Oxnard noch einmal, dass die Australopithecinen, einschließlich Lucy, zweibeinig waren.

Gish (1985) führt eine lange Debatte über die mögliche Zweibeinigkeit von Lucy. Er zitiert dabei ausführlich Stern and Susman (1983), die viele affenähnliche Merkmale von A. afarensis aufführen und annahmen, dass diese Spezies einen deutlichen Teil ihrer Zeit auf Bäumen verbrachte. Gish musste zugeben, dass keiner der Wissenschaftler Lucy die Fähigkeit zur Zweibeinigkeit absprach, stellte aber die (unbelegte!) Behauptung auf, dass sie nicht merh Zweibeinigkeit zeigte als moderne Affen, welche gut an die vuerbeinige Fortbewegung angepasst sind und nur in selten Fällen und dann kurze Strecken zweibeinig zurücklegen. Im gegensatz dazu sind die Knochender Füße, Knie, Beine und die Hüfte von Lucy nahezu perfekt an die zweibeinige Fortbewegung angepasst. Stern und Susman haben die Behauptung von Gish (1985) zurückgewiesen.

Gish (1985) schreibt, als wenn es bloss genügt, den Australopithecinen die Fähigkeit zur zweibeinigen Fortbewegung in der Art und Weise der modernen Menschen abzusprechen und schon wären sie als menschliche Vorfahren ausgeschieden. dabei muss die zweibeinige Fortbewegung, als sie zu erst auftrat, auch keinesfalls in menschlicher Weise geschehen. Dieser Schritt kann auch zu einem deutlich späteren zeitpunkt erfolgt sein.

Stern und Susman (1983) sehen dann auch folgerichtig A. afarensis als "missing link", dass eine Kombination von Merkmalen aufweist, wlche den Übergang zu einer vollkommen zweibeinigen Fortbewegung zeigen.

Der Kreationistische Autor John Morris stellt dagegen: "vom Hals abwärts deuteten gewisse Merkmale für Johanson darauf hin, dass ein wenig aufrechter als heutige Schimpansen ging. Dieser Schluss, basierend aus seiner Interpretation vo Teilen der Hüftknochen und einem Knie, wird von vielen Paläoanthrologen deutlich bestritten" (Morris 1994).

Genau betrachtet ist hier alles (bis auf die Namen von Johanson und Lucy) falsch dargestellt."
gewisse Merkmale deuten darauf hin" ist ziemlich untertrieben, wo doch die Skelettmerkmale des Fortbewegungsapparates von Lucy allen daran arbeitenden Paläoathropologen das Wort "Zweibeinig" ins Gesicht schrien. "Ein wenig aufrechter" ebenfalls, da alle beteiligten Wissenschaftler von einer vollkommen aufrechten Fortbewegung ausgehen. "Teile der Hüftknochen und ein Knie", wo immerhin die komplette Hüfte und das nahezu komplette Bein vorlagen und "wird deutlich bestritten", wo unter fachleuten keinerlein zwei Meinungen vorherrschen. Die einzige Uneinigkeit herrscht darüber, ob Lucy eine waldbewohnerin war und in wie weit ihre Fortbewegung der des heutigen Menschen ähnelt.



Literatur

Gish D.T. (1993): The "missing links" are still missing (part 2). Science, Scripture and Salvation (ICR radio show), Sep 18.

Gish D.T. (1985): Evolution: the challenge of the fossil record. El Cajon, CA: Creation-Life Publishers.

Howell F.C., Washburn S.L., and Ciochon R.L. (1978): Relationship of Australopithecus and Homo. Journal of Human Evolution, 7:127-31.

Johanson D.C. and Edey M.A. (1981): Lucy: the beginnings of humankind. New York: Simon and Schuster.

Leakey R.E. (1994): The origin of humankind. New York: BasicBooks.

Oxnard C. (1975): The place of the australopithecines in human evolution: grounds for doubt? Nature, 258:389-95.

Morris J.D. (1994): Has the "missing link" been found? Acts & Facts, 23.11

Oxnard C. (1987): Fossils, teeth and sex. Hong Kong: Hong Kong University Press.

Stern J.T., Jr. and Susman R.L. (1983): The locomotor anatomy of Australopithecus afarensis. American Journal of Physical Anthropology, 60:279-317.

Weaver K.F. (1985): The search for our ancestors. National Geographic, 168(November):560-623.

Willis T. (1987): Lucy goes to college. Bible-Science Newsletter, January:1-3.

White T.D., Suwa G., and Asfaw B. (1994): Australopithecus ramidus, a new species of early hominid from Aramis, Ethiopia. Nature, 371:306-12.
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