Montag, 1. Dezember 2008

Zillmers lustige Plattentektonik, Part 2

Kommen wir nochmal zu meinem Freund Hans-Joachim Zillmer (auch wenn es vielleicht einige hier nervt). Ich war mit seiner lustigen Plattentektonik ja noch nicht durch.

In seinem Buch "Irrtümer der Erdgeschichte" schriebselte er ja weiterhin (S. 84):

Eigentlich ist die Situation im Bereich der Spreizungszonen noch wesentlich komplizierter. An vielen Stellen des Ozeanbodens in Atlantik und Pazifik überlappen sich die mittelozeanischen Rücken um ungefähr zehn Meilen, wie Ken Macdonald und P. J. Fox (1983) in einem Artikel des anerkannten Wissenschaftsmagazins »Nature« (Ausg. 135, 13.5.1983) feststellen. Mit anderen Worten: Es liegen zwei Spreizungszonen (Risse der Ozeankruste) nebeneinander (Abb. 17). Über diese überlappenden Spreizungszentren liest man so gut wie nichts. Sie passen nicht in das klassische Bild der Plattentektonik.
Nun hatte ich mich etwas polemisch über sein Zitat ausgelassen, denn das Heft am 13. 5. gibt es bei Nature nicht, sondern nur eines vom 12. 5. 1983. Soweit, so gut, schliesslich kann sich ja jeder mal um einen Tag irren, nicht wahr? Leider ist das aber nicht der einzige Irrtum, der ihm hier unterlaufen ist. Denn der angegebene Artikel ist in dem Heft garnicht drin. Denn der fand sich im Heft vom 03. März 1983.
Das richtige Zitat ist:Macdonald, K.C. and P.J. Fox, Matters arising - Overlapping spreading centers on the East Pacific Rise, Nature 303:55-58, 1983. Es ist das Heft vom 03. Maerz 1983!
Zillmers Ironiedetektoren waren wohl mal wieder stark reparaturbedürftig, denn er schrieb in seiner Stellungnahme:

Bei so eklatanten Fehlgriffen“ schreibt Ries zuerst und dann also doch der richtige Sachverhalt?
Nun, der Fehlgriff ist das Zitat selber. Hat er nur mal wieder nicht kapiert. Oder hat er den Artikel in Wirklichkeit garnicht gelesen? Ein Verdacht, der so einfach nicht von der Hand zu weisen ist. Das werden wir gleich genauer sehen.

Ich hatte dazu geschrieben:

Allerdings geht es in diesem Artikel tatsächlich um die überlappenden Spreizungszentren und das sie (damals) eine unbekannte Erscheinung waren. Auch finden sie sich nicht "An vielen Stellen des Ozeanbodens in Atlantik und Pazifik", sondern (zumindest in diesem Artikel) nur am East Pacific Rise.
Und Zillmer geantwortet:

Was denn nun ... nur im Artikel oder in Wirklichkleit?
Was soll man dazu sagen? Entweder weiß Zillmer da mehr, weil er privat Forschungsexpeditionen zu sämtliche mittelozeanischen Rücken gemacht hat, oder er will uns hier etwas vorgaukeln. Aus dem vorgelegten Artikel jedenfalls kann er das ja nicht herleiten, denn da wurden diese speziellen Spreizungszentren nur am East Pacific Rise gefunden, einem sehr schnellen Rücken.

Aber es kommt noch besser: Ich schrieb von Versuchen, die mit Hilfe von Wachsmodellen schneller Spreizungszentren gemacht wurden, und die vergleichbare Phänomene zeigten. Und hier zeigt sich sehr deutlich, dass Zillmer seine eigenen Quellen nicht gelesen haben kann.

Er schrieb zu den Versuchen:

Wo und wann wurde der Versuch gemacht? wurden die Randbedingungen richtig berücksichtigt?
Eigentlich berechtigte Fragen, nicht wahr? Das Problem ist nur, dass die Versuche in dem Artikel beschrieben wurden, den Zillmer selber anführt. Ich habe also nichts weiter gemacht, als Zillmers Quellen zu lesen. Er anscheinend jedoch nicht.
Die Frage hätte sich also für ihn beantwortet, wenn er seine Quellen selber kennen würde.

Kommen wir zu einem kleinen Zwiegespräch von mir (schwarzer Text mit Zillmer (rot eingefügt):

Liegt vermutlich daran, das die junge Lithosphaere noch nicht rigide genug ist, um Bruchtektonik wie Transformstoerungen zu zeigen. Gerade an entlang der Spreizungszonen, also den "Geburtsorten" des Ozeansbodens befinden sich doch die Transformstörungen. Dafuer finden sich zwischen den ueberlappenden Spreizungszentren Dreh- und Scherbewegungen, wie sie auch im Modell auftraten (wie denn, wo denn, was denn?). Mit anderen Worten: Sie stellen nicht wirklich (?)die Plattentektonik in Frage, (nicht wirklich, sondern nur etwas in Frage gestellt oder wie ist das gemeint?) sind aber ein deutlicher Hinweis darauf, wie wenig wir über die Vorgänge selber wissen (genau!) und damit ein Ansporn für zukünftige Generationen von Geowissenschaftlern.
Dazu bleibt mir anzumerken: Nein, die Transformstörungen liegen nicht entlang der Spreizungszonen, sondern quer dazu.



Auf jeden Fall hätte Zillmer beim aufmerksamen Lesen seiner Quelle festgestellt, dass seine Bemerkung

Eben, wenn man keine Erklärung hat, ist das eben ein Probelm, wie in „Irrtümer der Erdgeschichte“ richtig dargestellt wurde. Die angesprochenen Probleme werden zu einem Umdenkungsprozess führen.
So nicht ganz haltbar ist. Denn der Artikel liefert eine experimentell abgesicherte Erklärung für den Feldbefund.

Und wenn Zillmer sich etwas Mühe bei seinen Recherchen gegeben hätte, dann währe ihm nicht entgangen, das diese überlappenden Spreizungszentren sich in Lehrbüchern zur Geodynamik finden lassen, so zB. Lliboutry (2000). Aber das hätte sicher Arbeit gemacht und den schönen Eindruck, dass hier die Geowissenschaftler etwas totschweigen wollen, verwässert. Dazu hatte Zillmer angemerkt:

Wenn man selbst wissenschaftliche Quellen angibt und zwar für jede Behauptung in „Irrtümer der Erdgeschichte“, dann entpuppt sich die Kritik von Ries wiederum und zum wiederholten Mal als pure Polemik. Ob etwas unter wenigen Spezialisten (in einem geschlossenen Zirkel) diskutiert wird oder offiziell und allgemein ist ein gewaltiger Unterschied. In der „Familie“ diskutiere man das u.U. schon, nur nicht außerhalb: Es könnte jemand merken , dass etwas ganz und gar nicht stimmt! Pure Logik - scheinbar nicht gerade die Stärke von Ries - zwingt dazu, dass überlappende Spreizungszonen dem Modell von langgestreckter Spreizungszonen - als Geburtsort der Ozeankruste - nach dem Plattentektonikmodell und augenscheinlich auch von Spreizungszellen widersprechen. Oder man ist gezwungen andere Erklärungsmuster zu finden, wie ja Ries auch indirekt zugibt.
naja, das mit den Quellen sollte Zillmer vielleicht noch mal ein wenig üben. Sah ja schon etws merkwürdig aus, wenn die Angaben nicht stimmen und der Inhalt anscheinend unbekannt ist.
Was das "im geschlossenen Zirkel" diskutieren angeht: Das Buch, das ich nannte, ist ein frei käufliches Lehrbuch. jede, aber auch wirklich jeder kann es erwerben. Scheint mir also ein sehr gut geschütztes Geheimnis zu sein, was darin geschrieben steht.

Dass Zillmer auch bei weiteren Ausführungen zur Plattentektonik nicht gerade von Ahnung getrübt wird, zeigt er gerne:

Ries schreibt hier vorsätzlich und wissentlich (falls er mein Buch überhaupt gelesen hat) Falsches. Denn nirgendwo wird von mir behauptet, dass der riesige „Gesteinsbrocken“ oder ein Kontinent in der Subduktionszone hinabtauchen soll. Im Gegenteil, da man außer dem Szenario einer die Ozeankruste verschluckende Subduktionszone kein alternatives Szenario (außer die von mir beschrieben, aber offiziell nicht anerkannten Erdkatastrophen) hat, frage ich: Ob sich die Subduktionszone nicht an diesem riesigen Happen verschlucken würde (Seite 86). Ries gibt meiner Argumentation recht! Schau an.
Wenn er richtig gelesen hätte, wäre ihm aufgefallen: Ich habe ihm nicht recht gegeben. Und seine Fragestellung ist falsch. Schließlich hatte er doch die Frage gestellt (auch wenn er es jetzt gerne leugnen will), ob ein Kontinent (!) überhaupt versinken kann. Und diese Frage stellt sich nach der Theorie der Plattentektonik nicht. Abgesehen davon widerspricht sich der Gute ständig selber, ohne es zu merken.

Er hatte in seinem Werk von sich gegeben:
Amerikanische Wissenschaftler der Southern Methodist University in Dallas (Texas) haben einen riesigen festen Brocken im Erdmantel gefunden. Die Geophysikerin Ilena Madalina Tibuleac veröffentlichte in dem Wissenschaftsmagazin »Science« die Meldung (BdW, 23.3. 1999), dass ein riesiger Koloss mit einem Durchmesser von 130 Kilometern und einer Höhe von 600 Kilometern in einer Tiefe von 800 Kilometern unter der Erdoberfläche entdeckt wurde (Abb. 18). Er scheint langsam in Richtung Erdkern zu sinken. »Allerdings ist noch völlig unklar, wie er sich bewegt« (»IIW«, 4/1998, S. 25). Die Forscher glauben, dass der Brocken aus der so genannten Subduktionszone im Erdmantel stammt. Natürlich muss man dies im Sinne der Theorie von der Plattentektonik so annehmen, denn falls man keine katastrophischen Umstände berücksichtigt, gibt es eben keinen bekannten oder theoretischen Prozess, der einen massiven Brocken mit einer Länge von mehreren hundert Kilometern in die Tiefe der Erdkruste bewegen könnte. Woher stammt ein solch großer Brocken eigentlich? Er ist doch sicher kein Produkt der Spreizungszone, denn die produziert höchstens acht Kilometer dicken Ozeanboden, wenn überhaupt.
ich hatte entgegnet:

Auch hier zeigt sich, das Zillmer von der kritisierten Theorie keine Ahnung hat. Zwar ist die ozeanische Kruste nur rund 5 - 6 Kilometer dick, aber subduziert wird in einer Subduktionszone erheblich mehr als nur sie. Denn subduziert wird die gesamte Lithosphärenplatte, dazu gehört neben der ozeanischen Kruste auch noch ein grosser Teil des oberen Erdmantels (Anmerkung 2). Diese Lithosphäre kann erheblich mächtiger sein als die reine Kruste. Die Dicke nimmt dazu noch vom Ruecken (frisch gebildet nur etwa 1-2 km maechtig) weg zu. Nahe dem Ruecken betraegt sie schon 60 km, unter aelterer ozeanischer Kruste kann sie sogar Maechtigkeiten von 120 - 140 km erreichen. Damit sind die Abmessungen des "Brockens" schon mal nicht mehr ganz so rätselhaft. Und es wird auch klar, warum alte Lithosphärenplatten im Mantel absinken können. Bestehen sie doch nur zu einem geringen Teil aus ozeanischer Kruste mit rund 3,0 g/cm3, der Rest ist kalter oberer Erdmantel mit 3,3 g/cm3. Je mit zunehmendem Alter wird die Platte also kälter und dicker und damit auch schwerer als der heissere Erdmantel darunter.
Eine andere faszinierende Geschichte hier ist, dass der Originalartikel mal wieder nicht unbedingt dazu angetan ist, Zillmers Hypothesen zu stützen.

Tibuleac, I.M, Herrin, E. (1999) Lower Mantle Lateral Heterogeneity Beneath the Caribbean Sea. Science, 285 p. 1711-1715.

Das Heft ist vom 10. September 1999, was mich bei den verwendeten Sekundärzitaten (BdW 23.3.99, IlW 4/1998) von Zillmer doch etwas staunen laesst. Liegt hier ein Fall von Zeitreise oder Hellseherei vor? Möglicherweise wäre Zillmer doch so manche Rätselei erspart geblieben, wenn er sich mal den Originalartikel zu Gemüte geführt hätte.

Seine Antwort war:

Es ging hier nicht um in der Subduktionszone verschluckte Kontinente, sondern um den weiter unten diskutiertem Brocken mit 600 Kilometern Länge und 130 Kilometer Höhe in 800 Kilometer Tiefe. Die von mir diskutierte Frage war, wie dieser riesige Brocken dorthin kommen kann? Ries reißt hier etwas aus dem Gesamtzusammenhang und stellt es in einem anderen total falsch interpretierten Zusammenhang. So jemand stellt sich auch noch als seriöser Wissenschaftler selbst dar. Ein Treppenwitz!
Nun verliert der Gute ein wenig die Contenence. Abgesehen davon: Die Länge ist nicht weiter aufregend. die Höhe vielleicht. Aber nur, wenn man vergisst, dass in den Subduktionszonen nicht nur die ozeanische Kruste, sondern die Lithosphäre versinkt. Und die ist 120 bis 140 Kilometer mächtig. Und das unterschlägt Herr Zillmer hier seinen Lesern. Mit anderen Worten: Er will eine These widerlegen, die so nicht existiert. Er fackelt lieber ein Strohmännchen ab, anstatt sich mit den Stärken und Schwächen der Theorie auseinander zu setzen. Letzteres wäre seriös.

Aber er hat jetzt recht, es soll nach aktuellen Vorstellungen etwas mehr als die Ozeankruste (Lithosphäre) verschluckt werden. Die Gesteinszungen in den „Subduktionszonen“ sind aber nicht dick genug für massige Lithosphöärplatten-Verschluckuingen – siehe Skizze auf Seite 60 (aus Berkhemer: „Grundlagen der Geophysik“)
Auf einmal bekomme ich recht, und das bei Dingen, bei denen er eben noch ad hominem polterte? Es scheint ihn ein wenig zu verwirren. Und ob modellhafte Skizzen als Beleg gegen Subduktion gelten können, lasse ich mal so dahingestellt. Die Wadati-Benioff-Zonen lassen sich seismisch nachweisen. Wer immer etwas gegen das Modell Subduktion hat, muss hier mit einer wirksamen Erklärung ran. Da hilft nichts.



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