Dienstag, 19. Mai 2009

Ein eozäner Affe im Medienrummel; Darwinius masillae

Was eine ausgeprägte Profilneurose doch so alles bewirken kann. Zugegeben, der Fund ist mit großer Sicherheit bedeutend. Immerhin geht es um den wohl am besten erhaltenen Primatenvorfahren aus dem Eozän, der jemals in der Grube Messel bei Darmstadt gefunden wurde. Das alleine würde eigentlich schon ausreichen, um seinem Finder einigen wissenschaftlichen Ruhm zu sichern. Ein Fund, nach dem sich so mancher alle Finger lecken würde. Das kleine Wesen, ein Weibchen soll es sein, erinnert im ersten Moment an einen heutigen Lemuren, mit seinem überlangen Schwanz. In der zugehörigen Veröffentlichung wird aber angegeben, dass es nicht zu den Lemuren gehört, sondern mehr zu den Vorfahren der heutigen echten Affen zählt. So weit, so gut. Aber ein einfacher Stammvater der Primaten, das äre doch nicht genug. Also wird ein warer Medienrummel inszeniert. Darin ist sein Beschreiber Jørn Hurum in diesen Dingen erfahren. Als er 2006 auf Spitzbergen einen Saurierfriedhof ausgrub, musste es natürlich auch der größte Räuber unter den Pliosauriern sein. Darunter ging eben nichts. Werbewirksam wurde es "Predator X" genannt. Ein TV-Special mit dem gleichen namen wurde ebenfalls produziert. Ähnliches blüht jetzt auch dem viel kleineren und unschuldigeren Affenweibchen. Auf dem History Channel wird bereits am 30 Mai eine Dokumentation über den "Sensationsfund" ausgestrahlt. Meiner persönlichen Meinung nach tut die Eile der Sache aber nicht gut. Dass der Fund nicht in einem der bekannten renomierten Journale wie Science oder Nature erschien, sondern in einer Open Access Reihe wie PLoS one kann ich noch irgendwie nachvollziehen. PLoS one ist, zumindest dem eigenen Bekunden nach, ebenfalls ein peer review Journal. Was mich aber stört ist schlicht, dass hier Wissenschaftler sich wie Popstars verhalten. Dass hier interessante Funde noch künstlich gepusch werden, weil sie sonst nicht "sexy" genug sind. Was soll denn als nächstes kommen? Immer größere und furchterregendere Räuber, immer fernere "missing links" unserer eigenen Ahnen? Sind die Menschen tatsächlich schon so übersättigt, dass sie nur über vermeintliche Sensationen zu erreichen sind? Was für eine armselige Sichtweise. Ich denke Wissenschaft im Allgemeinen und Geowissenschaft im Speziellen sind "sexy". Die Neugier auf die Welt, so wie sie eben nun einmal ist, sollte ausreichen. Da muss nichts künstlich hochgejubelt werden, um hinterher ebenso schnell wieder vergessen zu werden.
Complete Primate Skeleton from the Middle Eocene of Messel in Germany: Morphology and Paleobiology
Forscher finden frühen Ahnen von Affe und Mensch
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