Mittwoch, 10. Juni 2009

Wert der Grundlagenforschung

In den Scienceblogs von Astridictum simplex und Arte-Fakten läuft gerade eine heiße Diskussion um den Wert oder Unwert der Grundlagenforschung ab. der Autor von Arte-Fakten stellt einige ziemlich steile Thesen in den Raum, die ich persönlich für überaus angreifbar halte.

Die Grundlagenforschung. Als solche will ich hier alle wissenschaftlichen Aktivitäten verstehen, deren Nutzen für die Gesellschaft so ungewiss ist, dass jede Argumentation mit möglichen zukünftigen Effekten, mit denen die Kosten verrechnet werden können, reine Spekulation ist. Wer nach dem Higgs-Teilchen sucht oder nach Exo-Planeten, wer erforschen will, ob es vor 14 Mrd. Jahren wirklich einen Urknall gab und was wohl in den Sekunden danach geschah, der tut dies nicht mit einem Nutzen für die Menschheit im Sinn - und wenn sich, quasi als Nebenprodukt, doch ein Nutzen ergibt, dann sollte man sich schnell eingestehen, dass dieser Nutzen auch anders gestiftet worden wäre.
Ist der Nutzen der Grundlagenforschung wirklich immer so ungewiss? Die Frage sollte man sich wirklich stellen. Vor allem in Bezug auf die weitere Behauptung, dass der Nutzen der Grundlagenforschung auch anders (durch zielgerichtete, anwendungsorientierte Forschung?) gestiftet wäre. So in der Allgemeinheit kann man diese Theorie wohl als bereits falsifiziert betrachten. Alleine die Nobelpreise in Physik der letzten Jahre, die an Grundlagenforscher gingen, deren Erkenntnisse gerade im bereich der Speichermedien zu (wirtschaftlich) nutzbaren Fortschritten geführt haben, widerlegen seine Behauptung.
Bedauerlich wird es in meinen Augen, wenn er die Suche nach Exoplaneten oder subatomaren Teilchen mit dem besteigen des Mt Everest oder der Teilnahme an einem Marathon Lauf gleichsetzt. Ich bin nämlich durchaus der Meinung, dass Wissen ein Wert an sich ist. Und das ein tieferes Verständnis über die Abläufe in unserem Universum sehr Wertvoll für jedes vernunftbegabte Wesen ist, dass Neugier auf die Zusammenhänge wichtig ist, um als intelligente Art bestehen zu können. Nur weil wir nicht sofort (wirtschaftlichen?) Nutzen aus der Tatsache ziehen können, dass immer mehr Exoplaneten gefunden werden, oder neue subatomare Teilchen, so ist das Wissen dennoch nicht nutzlos. Wir lernen dadurch auch etwas über uns selber, über unser Sein und Werden. Über die Welt auf der wir leben. Und was die Beschäftigung mit der sinnfreien Grundlagenforschung einbringen kann, zeigen die Nobelpreisträger von 2007, Albert Louis François Fert und Peter Andreas Grünberg für ihre Entdeckung des Riesenmagnetwiderstandes. Da war die Quantenmechanik also doch zu irgendetwas gut.
Warum Jörg Friedrich aber unbedingt einen Gegensatz zwischen einem "Wir",a lso wohl der steuerzahlenden Gesellschaft und "den Grundlagenforschern" herstellen will, ist mir schleierhaft. Gehören für ihn Forscher nicht zur Gesellschaft dazu? geht es nur darum, dass "der Steuerzahler" (zu dem ja auch Wissenschaftler gehören) die Forschung bezahlt? Ja und? Aus Steuermitteln werden auch andere Arbeitsplätze mittelbar oder unmittelbar bezahlt oder gefördert. Ob das im Einzelfall so viel sinnvoller ist als Grundlagenforschung, darf gerne diskutiert werden.
Bei Betrachtung des Beitrages von Jörg Friedrich in Arte fakte werde ich aber den Verdacht nicht ganz los, dass es sich weniger um ein in Frage stellen der Grundlagenforschung handelt, als eine Nebelkerze:

Das Unverständnis beginnt eigentlich erst dann, [...], wenn wir mal eine falsche Frage stellen, zu hören bekommen, dass wir uns erst mal schlau machen sollen, dass wir keine Ahnung haben, weil wir nicht Physik studiert haben, und wenn man uns mit ein paar hingeworfenen Sätzen abspeisen will.
Aua. Und wo könnten die bösen Burschen wohl stecken?
Ich weiß zum Glück, dass nicht alle Wissenschaftler in der Grundlagenforschung so reagieren wie zwei oder drei junge aufstrebende Forscher bei den ScienceBlogs. Wenn es anders wäre, dann müssten wir die Frage, ob wir uns diese Grundlagenforschung leisten wollen, nämlich wirklich stellen.

Das sieht mir dann doch etwas arg nach "Nachkarten" aus, von jemandem, der in einer Diskussion eine schmerzhafte Ohrfeige bekommen hat.

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