Freitag, 27. November 2009

Homöopathie kann die Leber kosten

Eine Geschichte, die sich alle Hörigen der "sanften" Alternativmedizin genau durchlesen sollten. Wie die Süddeutsche gestern berichtete, hat eine Frau ihren Arzt verklagt. Das alleine wäre sicher noch keine Nachricht. Die Vorgeschichte aber ist schon interessant. Die Frau hatte nämlich vorher bei einem Internisten in Behandlung, der bei ihr eine vermutete Autoimmunhepatitis mit Cortison behandeln wollte und eine stationäre Behandlung empfahl. Da sie aber der Schulmedizin ablehnend gegenüberstand, suchte sie sich einen anderen Arzt. Einen, der auch Homöopathie im Angebot hat. Es kam, wie es kommen musste; Der Zustand verschlechterte sich und ein aufgesuchter Leberspezialist diagnostizierte eine Leberzirrhose. Jetzt wartet die Frau auf eine Spenderleber und hat ihren Homöopathie-treibenden Arzt verklagt. Der habe sie nicht darauf hingewiesen, dass sie in Lebensgefahr schwebe und auf stationäre Behandlung angewiesen sei.
Das Gericht hat der Klage aber nicht zugestimmt. Verstörend finde ich daran:
Das Gericht hörte zwei Sachverständige an, dann folgte es der Meinung dieser Experten, dass die homöopathische Behandlung - so wie die Patientin diese wünschte - zunächst verantwortbar gewesen sei. Die dramatische Verschlechterung des Gesundheitszustandes sei zunächst nicht vorhersehbar gewesen. Und es gebe eine Vielzahl von Patienten, die sich nach alternativ-medizinischen Therapien bester Gesundheit erfreuten - "nur deshalb hat die Homöopathie auch eine so weite Verbreitung gefunden", sagt das Gericht.
Die Frau hätte meiner Meinung nach besser ihren eigenen Glauben an die "sanfte Alternativmedizin" und Homöopathie verklagen sollen. Schließlich hatte schon ihr Internist auf stationärer Behandlung bestanden. Spätestens da hätte sie sich Gedanken über den Ernst ihrer Lage machen müssen. Hat sie aber allem Anschein nach nicht. Im Gegenteil, sie hat sich einen anderen Arzt gesucht, der bereit war, sie mit Zuckerkugeln zu behandeln. Also durchaus ein Fall für selber Schuld. So weit jedenfalls.
Auch der Arzt, der Homöopathie betreibt, sollte mal darüber nachdenken. Da ist also eine Patientin, die allem Anschein nach eine ernsthafte Erkrankung hat. Eine, die sich durch Zuckerkügelchen sicher kaum beeindrucken lässt. Und die auch nicht von alleine verschwindet, wenn man nur lange genug wartet. Hätte er nicht lieber eine weitere Behandlung mit unwirksamer Therapie ablehnen sollen? Mit Hinweis auf die Schwere der Erkrankung? Ist es in Ordnung, dann mit unwirksamen (pseudo-)Therapieformen weiterzumachen, als sei nichts geschehen? Meiner bescheidenen Meinung nach ist es das nicht.
Und das Gericht? Ja, auch hier möchte ich etwas Kritik anbringen. Denn so, wie es in der Süddeutschen steht, hat sich das Gericht auf ein gefährliches Glatteis begeben. Immerhin bezeichnet es die homöopatische Behandlung in diesem Fall (vermutete Autoimmunhepatitis mit vom Internisten empfohlener stationären Behandlung, wie erinnern uns) als vertretbar, da eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes zunächst nicht vorhersehbar gewesen sei. Warum aber hat dann der vorher behandelnde Arzt wohl eine stationäre Aufnahme vorgeschlagen? Und der Rest der Begründung, weil es eben Menschen gibt, die nach alternativer Behandlung sich bester Gesundheit erfreuen, ist schlicht und ergreifend die Luft nicht Wert, die dafür verbraucht wurde, sondern meiner Meinung nach ein klassischer Fall von post hoc - ergo propter hoc. Ich fürchte allerdings, dass dieses jetzt von diversen Anhängern von alternativen Methoden quasi als richterliche Anerkennung ihrer Wirksamkeit gewertet wird.
Dabei ist die Lehre aus dem Vorfall ganz einfach: die angeblich so sanfte alternative Medizin kann einen die Gesundheit kosten, wenn dadurch die Zeit für eine sinnvolle schulmedizinische (weil evidenzbasierte) Therapie verschenkt wird. Oder kurz zusammengefasst: Homöopathie gefährdet ihre Gesundheit und verschenkt wertvolle Zeit, die bei einer wirksamen Therapie sinnvoller verwendet wäre.

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