Mittwoch, 25. November 2009

Journalistischer Offenbarungseid

Eines der Argumente, die mit großer Regelmäßigkeit auftauchen, wenn es um die Existenzberechtigung bezahlter Journalisten und Bezahlinhalte im Internet geht, ist die Qualitätssicherung. Dass nämlich bezahlte Journalisten ihre Beiträge unabhängig(er), und aufwändiger recherchieren können als die vielen privaten. Blogger Dass letztere eben einfach nur Copy & Paste betreiben, ohne qualitativ etwas beizutragen. Naja, das mag vielleicht in der Mehrzahl der Fälle stimmen, aber es gibt da auch so manche Flecken auf der Weste der bezahlten Journalisten, die ohne die "Hilfe" der vielen privaten kaum ans Tageslicht gekommen wären. Weil nämlich auch professionelle Journalisten eben nur Menschen sind. Und weil hier natürlich ebenso Lobbyistenam Werk sein können. Oder weil auch für die Profis die Versuchung zu Copy & Paste groß ist.
Ein gutes Beispiel, wie Journalisten auf eine Lobby hereinfallen können, bietet der Fall Regividerm, wie er unter anderem vom WDR verbreitet wurde. Dass nämlich die Pharmalobby eine sowohl billige als auch hochwirksame Medizin gegen Neurodermitis und Schuppenflechte ver- bzw. behinderte. Und es eben nur einigen Idealisten zu verdanken war, dass den Menschen trotzdem geholfen wurde. Und das nicht nur in einer Sendung unter dem Titel "Heilung unerwünscht", sondern auch noch zusätzlich "Hart aber Fair". Die Story war so schön, dass sogar die Süddeutsche darauf hereinfiel. Das Ganze war eine Sternstunde des investigativen Journalismus, aber eben nicht von den Profis, sondern von den Amateuren. Die hatten schnell erkannt, das es sich dabei um einen erstklassigen PR-Gag handelte (hier, hier und hier).
Irgendwie eine Art journalistischer SuperGAU, denn die Profis hinkten deutlich hinterher. Nicht nur Lobbyisten, sondern Netbooks deutlich häufiger ausfallen als ihre größeren Kollegen, die Notebooks. Die Nachricht tauchte zuerst auf Golem.de auf, der sich auf einen amerikanischen Garantiedienstleister berief. Die Angelegenheit schien brisant und machte schnell die Runde, von Bild.de bis Netzwelt.de. Leider hat sich wohl niemand die Quelle angeschaut. Denn die sagt zu ihrer Studie schlicht:
Given that netbooks have only really been around in volume for about 12 months, it will be interesting to see how their reliability plays out over the course of the next 12 months. SquareTrade will continue to monitor the progress and publish an update of laptop and netbook failure rates in 2010.

oder auf deutsch: Da Netbooks in größerer Zahl erst seit 12 Monaten im Umlauf sind, werden wir ihre Langzeitqualität erst im laufe der nächsten 12 Monate erkennen. Und das ist noch nicht alles, auch für die Notebooks gilt:
3 Year laptop accident rates are based on projections from 2 years of accidental damage data using a straightline
projection.

Mit anderen Worten: 24 Monate Notebookdaten und 12 Monate Netbookdaten werden zusammengerührt und dann hochgerechnet, um eine Dreijahresstudie daraus zu machen. Die volle Story.

Nachtrag: Nein, ich bin kein Gegner professionellen journalistischen Inhalts. Im Gegenteil. Ich bin sehr dafür, dass es professionelle journalistische Inhalte gibt. Viel zu oft und viel zu gerne verweise ich hier auf die Profis. Vieles kann man als Amateur kaum leisten. Und ich habe auch kein Problem, wenn die professionellen Kollegen sich auf die Amateure berufen, wenn man sich die Bälle gegenseitig zuspielt. Niemand ist unfehlbar, wir sind alle nur Menschen mit unseren Fehlern und unseren eigenen Weltbildern, die wir nicht gerne zerschmettert sehen.

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