Montag, 30. November 2009

Sternstunden des Journalismus - Wünschelrutengänger bei der ARD

Es gibt ja so einige Mythen, die schier unsterblich sind. Eine davon ist die, dass man mit so genannten Wünschelruten Wasseradern unter der Erde aufspüren kann. Sei es um den "Erdstrahlen" aus dem Weg zu gehen oder um einen Brunnen zu bauen. Man sollte meinen, es hätte sich unter den gebildeteren Zeitgenossen herumgesprochen, dass Grundwasser in der Regel flächenhaft fließt, und eben nicht analog zum Oberflächenwasser in unterirdischen Flüssen, den so genannten "Wasseradern" (OK, Pedanten werden jetzt einwenden, dass es hier ziemlich klare Ausnahmen gibt, in denen Wasser in unterirdischen Flüssen fließt. In Karstgebieten beispielsweise. Ich würde da aber gerne mal einen Wünschelrutengänger auf die Suche schicken. Und ich gehe jede Wette, seine Trefferquote dürfte sich nicht groß vom Zufall unterscheiden). Aber der alte Mythos ist erstaunlich zählebig. Wie sonst ist es zu erklären, das ausgerechnet die ARD ihm gerne mal wieder eine kleine Auffrischung gewährt. So geschehen im ARD Morgenmagazin. Nein, es wird sich leider nicht kritisch mit dem Thema auseinandergesetzt, im Gegenteil:
Wo am besten gebohrt wird, das können Fachleute mit moderner Technik herausfinden, oder aber Rutengänger – also Menschen mit einem besonderen Gespür und einer Wünschelrute. Dass es sich dabei nicht nur um Hokuspokus, sondern um eine praktisch anwendbare Fähigkeit handelt, davon überzeugt Eugen Jäger unseren Reporter Matthias Veit.
Ja, überzeugen hat er sich lassen, der Reporter. Schade eigentlich, hat es doch etwas rührend naives, den Rutengänger den vermeintlichen unterirdischen Fluss (in der Form wohl eher ein unterirdisches Bächlein) abstecken zu sehen. Ja sicher, dort würde man Wasser finden. Welch eine Überraschung! Aber auch einen halben Meter links oder rechts der Markierung. Oder auch zwei oder drei Meter. Vielleicht hätte es der Sache gut getan, wenn sich der Reporter mal ein klein wenig bei Fachleuten über das Thema informiert hätte. Sann wäre vielleicht keine so spökenkiekersche Story daraus geworden, aber das Thema Grundwasser soll ja doch von allgemeinem Interesse sein. Man hätte vielleicht was lernen können, zum Beispiel dass Sätze wie
Das sei gewissermaßen das Ufer eines unterirdischen Flusses, hier sei besonders viel Grundwasser zu finden.
in Lockersedimenten, und darum handelte es sich ja allem Anschein nach, ziemlicher Blödsinn sind. Und dass die Bewegungen der Wünschelrute mit großer Wahrscheinlichkeit auf den Carpenter Effekt zurückzuführen sind. Dass zum Beispiel Wünschelrutengänger bei der Suche nach Wasser keine höhere Trefferquote haben als der Zufall. Wer also einen Rutengänger in seinem Garten nach Wasser suchen lässt, hätte billiger einfach eine Münze werfen können. Ich finde es schade, dass ein öffentlich rechtlicher Sender hier Sendezeit für wohl nicht nur in meinen Augen pseudowissenschaftlichen Blödsinn opferte, anstatt fachlich über Grundwasser und damit im Zusammenhang stehende Phänomene zu berichten. Hatten doch schon 1950 die geologischen Landesämter festgestellt:

Die Geologie fast aller Kulturstaaten, besonders in Deutschland, hat sich seit langen Jahren, um nichts unversucht zu lassen, mit zahlreichen exakten Prüfungen der Wünschelrute (des Pendels und Apparaten nach Art der Wünschelrute) beschäftigt. Sie hat keine Gelegenheit unterlassen, Angaben von Wünschelrutengängern mit den tatsächlichen Verhältnissen des Untergrundes zu vergleichen. Das klare Ergebnis ist, daß ein Zusammenhang zwischen Wünschelruten-(Pendel-)Ausschlag und Untergrund nicht erwiesen, ja noch nicht einmal wahrscheinlich gemacht worden ist.

Die Direktoren der genannten geologischen Landesämter müssen daher nachdrücklichst darauf aufmerksam machen, daß die Wünschelrute zum Aufsuchen von Bodenschätzen jeglicher Art, einschließlich Wasser, völlig unbrauchbar ist. Vor allem muß bei allen Arbeiten, die ganz oder teilweise durch öffentliche Mittel finanziert werden, aufgrund der wissenschaftlichen Erkenntnis die Verwendung der Wünschelrute entschieden abgelehnt werden.
Prokop, O. & Wimmer, W. (1976):Der moderne Okkultismus: Parapsychologie und Paramedizin : Magie und Wissenschaft im 20. Jahrhundert,University of Michigan, 207 S.; S.18
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