Donnerstag, 18. Februar 2010

Wie sich Verschwörer selbst immunisieren

Meine kleine Polemik gegen die angeblichen "Truther", die mit Hilfe einer energiedispersiven Röntgenanalytik ausgerechnet den Oxidationszustand von Eisen und Aluminium in ihren Proben messen wollten, scheint in den einschlägigen verschwörungstheoretischen Kreisen ja einigen Staub aufgewirbelt zu haben. Dabei kann man sehr schön die gängigen Strategien beobachten, mit der versucht wird, die herzgebobbelte Theorie vor dem Untergang zu retten. Kurz gesagt: Mit einer handelsüblichen energiedispersiven Röntgenanalytik, kann man keinen Sauerstoff und keinen Kohlenstoff nachweisen. Das geht nicht, Nein, denn der Detektor hat normalerweise ein Fenster aus Beryllium. Und das absorbiert die Energiespektren aller Elemente leichter als Natrium.
Fangen wir hier an:
Ich kann nicht bewerten ob etwas verfälscht wurde und traue soetwas einem Geologen weniger z. Das ist mein Punkt. Es geht ums Fachgebiet, weil ich ein anderes habe (Ingenieurwesen).
Skepsis ist eigentlich eine gute Sache. Aber alleine vom Fachgebiet auszugehen und der Meinung zu sein, Geowissenschaftler hätten per se davon keine Ahnung, zeigt nur eines: Das hier von moderner Geowissenschaft keine Ahnung vorliegt. Elektronenmikroskope und energie- und wellenlängendispersive Analytik ist eine der Standardmethoden der Geowissenschaften. Ich dachte eigentlich, ich hätte in meinem Blogbeitrag die Grundlagen der energiedispersiven Röntgenanalytik ausgiebig besprochen. Anscheinend nicht genug. Allem Anschein traut man also Geowissenschaftlern keinerlei chemische Kenntnisse zu. Persönlich denke ich aber schon, dass ich mit einigen Jahren Erfahrung am Elektronenmikroskop und einigen tausenden von Analysen mein Gerät ziemlich gut kenne. Besonders auch die Grenzen der verwendeten Methode. Das ist die Schwierigkeit, wenn man selber keine Ahnung hat; wie soll man Argumente bewerten? Man sollte sich aber vor einer Argumentation mit "Autorität" hüten. Da hilft dann nur eines. Selber schlau machen.

Noch ein wunderbares Beispiel für ad hominem:
Selbst nicht-peer-reviewte, hingeworfene Meinungen von angehenden Geologen, warum Harrit et al bei der Verifizierung von Nanothermit nach Tillotsons Methoden auf keinen Fall hätten etwas finden können, werden sogar kommentiert und betrachtet. 
 Nun, zum einen: Ich bin definitiv (und überprüfbar) eben kein "angehender Geologe". Der Satz soll einzig und alleine nur dazu dienen, die fachliche Kompetenz zu unterminieren. Also auf die Person zielend, und nicht auf das Thema. Sehr beliebt bei Verschwörungstheoretikern und auch bei anderen, nun, nennen wir sie mal freundlich "Grenzwissenschaftler". Und das von Leuten, die fachliche Beiträge allem Anschein nach nicht einmal erkennen, wenn man sie mit der Nase drauf stößt. Aber dazu unten mehr. Und was "Tillotsons Methode" angeht, mag jeder selber urteilen. Sie diente nie der Identifizierung möglichen nanothermitischen Materials und schon garnicht ist sie eine Standardmethode dazu.

Gehen wir mit dem ad hominem weiter:
Wo ist die Laborarbeit von Dr. Gunnar Ries, um die Laborarbeit von Dr. Jones, Dr. Farrer und den paar anderen Wissenschaftlern, die auch nicht nur alle als Profs rumlabern, zu widerlegen???
 Oh, hier bin ich also schon aufgestiegen. Falls er es noch nicht gemerkt hat: Es ging nicht um Laborarbeit. Mir liegen keine Staubproben vor und das habe ich auch nie behauptet. Ich stelle nur sachlich fest, dass Harrit et al. die Grenzen ihrer eigenen Methode allem Anschein nach nicht kennen. Und dass sie Methoden, die als Standardmethoden ganz schnell meine These vom Tonmineral hätten widerlegen können, nicht angewendet haben. Ich persönlich habe genug Tonminerale im Rasterelektronenmikroskop gesehen um die verblüffende Ähnlichkeit der Plättchen aus dem Staub mit handelsüblichen Tonmineralen zu erkennen. Sollte man mir eine Probe besagten Materials geben, könnten wir das gerne mal mit einer schnellen Untersuchung am Pulverdiffraktometer überprüfen.
Kennt Dr. Gunnar Ries Nanothermit und Methoden, wie man es klassifiziert und untersucht?
Äh, hab ich das behauptet? Nicht, dass ich wüsste, oder? Aber ich weiß mit der besagten Elektronenstrahanalytik umzugehen. Und ich weiß auch, wie man mineralische Stoffe eindeutig identifizieren kann. Und ich gehe davon aus, dass dies auch ein Chemiker wissen müsste.
Anscheinend ja nicht. Er würde sonst nicht ellenlang Kritiken an den Untersuchungsmethoden bringen und diese für nicht ausreichend erklären, wenn er wüsste, dass die armen alles selbst bezahlenden "Truthers" sich genau an anerkannte, maßgebliche Methoden aus Forschungen von Los Alamos, Texas Tech, Livermore usw. gehalten haben...
Natürlich sind energiedispersive Analysen anerkannte Methoden. Aber das bedeutet eben nicht, dass sie für alles gleich gut sind. Fakt ist, dass Harrit et al. methodische Schwächen in ihrer Untersuchung haben. Die Ergebnisse sind nicht das, für was sie ausgegeben werden. Da hilft dann auch kein  Autoritätsargument mehr, wenn man bekannte Forschungseinrichtungen nennt.Man muss eben auch die Grenzen der verwendeten Methoden kennen, sonst sind die eigenen Ergebnisse angreifbar.
Laß mich raten. Der Gunnar Ries ist "Debunker", Hauptberuflich?
Jo, nun hat er mich erkannt. Da wird dann die Blogroll und die abonnierten Blogs schnell auch noch zum "Argument".

Es ist eine politische, mündliche Abhandlung eines "Debunker"-Kollegens von MrBaracuda, warum die Methoden, die im Labor von Dr. Farrer nach Nanothermit-Klassifizierungen benutzt worden sind und einwandfreie Ergebnisse lieferten, angeblich keine Ergebnisse hätten liefern können. Mit dem Mund.
Eine politische, mündliche Abhandlung. So habe ich das ehrlich gesagt, auch noch nicht gesehen. Da scheint jemand einfach ein Problem mit der schlichten Tatsache zu haben, dass Methoden ihre Grenzen haben.

Das ist alles sehr abgehoben und hat mit experimenteller Wissenschaftskritik NICHTS zu tun.
Ach, was ist es denn? Ich hatte bisher immer das Gefühl, dass ich die verwendeten Methoden kritisierte. Aber was weiß ich denn schon...
Es ist, als Analogie, so, als ob du Temperatur wiederholt mit einem Thermometer messen würdest, und dir der nächste erzählt, ein Thermometer wäre gänzlich ungeeignet, die Temperatur zu messen, weil...
Nun ja. Es ist schon so. Als ob man flüssiges Eisen mit einem Fieberthermometer messen will. Und weil die Skala nur bis 50 °C geht, behauptet man dann, dass flüssiges Eisen eben nur 50 °C hat.

Junk. Quatsch. Nichts gegen die Geologie. Die Irreführung des jungen Doktoranden liegt eindeutig daran, dass er die falschen Seiten liest. Die auch den armen Kevin.Silbstedt schon den Kopf ruiniert haben. Die "Debunker"-Freunde...die alle Infos mit dem Mund bekämpfen...Weiß Gott, warum sie das tun.
Sofern er experimentell nachweisen will, dass die benutzten Methoden keine Ergebnisse liefern können, steht ihm das frei, nachzuweisen. Ansonsten träumt weiter von einer Wiederlegung...
So viel Mitgefühl macht mich ganz betroffen.  Nein, ich lese nicht die falschen Seiten. Der Punkt ist, dass ich hauptsächlich mit der besagten Analytik arbeite, die Harrit et al. verwendet haben wollen. Da gibt es nichts experimentell zu beweisen, jedenfalls niemandem, der auch nur ansatzweise über physikalisches Grundwissen verfügt. Ein EDX Detektor, der ein Berylliumfenster hat, kann weder Sauerstoff noch kann er Kohlenstoff detektieren. Damit ist eine Bestimmung eines Oxidationsgrades mit Hilfe einer EDX nichts als Bullshit. Das lässt sich sogar ganz leicht überprüfen.

Eines aber kann ich glatt unterschreiben:
Weißt du, was peer review bedeutet?
Genau das, was der junge Mann getan hat!
Man guckt sich eine Studie an und begutachtet die Studie.
Man guckt sich nicht das Studienobjekt an, man macht keine Experimente mit dem Studienobjekt, man schaut einzig auf die Methoden, die zur Studie angewandt wurden.
Fertig.
Als Beispiel:
Peer review bedeutet, "als Analogie, so, als ob du Temperatur wiederholt mit einem Thermometer messen würdest, und dir der nächste erzählt, ein Thermometer wäre gänzlich ungeeignet, die Temperatur zu messen, weil" etwa genau das benutzte Thermometer nicht geeicht wurde, es ein anderes Temperaturspektrum abdeckt oder was ähnliches!
Du hast das fast verstanden gehabt, nur wieder mal die Kurve nicht bekommen!
Da hat mich jemand gut verstanden.

Nachtrag 18.02.2010: Einen hab ich noch...
Herr Gunnar Ries geht anscheinend davon aus, weil "sein" EDX-Detektor dazu nicht in der Lage ist (C) und (O) zu analysieren, gibt es so was weltweit nicht, und darum stimmen die EDX-Spektren von Harrit & Co. nicht, sie wurden gefälscht, es ist kein Nanothermit, es muss Tonmineral sein.
 Ein klassischer Fall von nicht-gelesen-haben. Ja, "mein" Detektor hat, wie die allermeisten, ein  8 µm starkes Beryllium-Fenster. Es gibt auch Detektoren mit dünneren Fenstern oder ganz fensterlose. Diese sind aber entsprechend empfindlich. Sie halten dem Luftdruck nicht stand, daher müssen sie beim Probenwechseln und Belüften der Probenkammer extra geschützt werden. Das macht die mit dem Fenster so schön unkompliziert und wartungsfrei. Und da die Elemente oberhalb von Natrium für die meisten analytischen Anwendungen nicht besonders relevant sind, greift man meist auf die günstigeren mit dem Fenster zurück. Es wäre also möglich, dass Harrit et al. einen fensterlosen Detektor oder einen mit dünnem Fenster benutzt haben. Aber warum wurde ausgerechnet dieses interessante Detail nicht in der Methodik erwähnt? Da finden sich alle möglichen Angaben, aber die wichtigste ausgerechnet, die fehlt.
Aber auch mit fensterlosen Detektoren ist es immer noch problematisch, auf den Oxidationszustand eines Elements schließen zu wollen.
Was das Tonmineral angeht, so ließe sich das ganz einfach überprüfen. Es gib da so eine ausgefeilte Technik, die nennt sich Pulverdiffraktometrie. Ist eigentlich (also in Mineralogie und Geologie) eine Standardmethode zur Identifizierung kristalliner Stoffe. Soweit ich informiert bin, wird sie auch in der Chemie verwendet. Abgesehen davon muss es natürlich kein Tonmineral sein. Bei dem Aussehen und dem Elementgehalt sollten aber auch bei Chemikern die Glocken klingeln.
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