Mittwoch, 1. Februar 2012

Geographie weit mehr als "Stadt, Land, Fluss"

Die Wahrnehmung des Wissenschafts- und Schulfaches Geographie in der Öffentlichkeit entspricht nicht den aktuellen Inhalten des Faches: Immer noch wird es weitgehend mit „Stadt-Land-Fluss“ gleichgesetzt, dem unterhaltsamen Spiel, das aber nicht Geographie ist. Dabei ist das Fach Geographie dasjenige in Schule und Wissenschaft, in dem methodisch anspruchsvoll und fachlich fundiert die wichtigen Zukunftsprobleme der Menschheit unterrichtet und erforscht werden.

Nach Erhebungen der Vereinten Nationen gehören Klimaveränderung, Raubbau an natürlichen Ressourcen, die zunehmende Verstädterung sowie Bevölkerungszunahme und -wanderung zu den wichtigen Zukunftsproblemen der Menschheit – und sie sind vorrangige Themen interdisziplinärer Forschungsgruppen mit maßgeblicher Beteiligung von Geographen. „Ihre Ergebnisse müssen im Geographieunterricht der Schulen vermittelt werden, um den Schülern das komplexe Zusammenspiel von natürlichen und humanwissenschaftlichen Faktoren und Kräften bewusst zu machen. Nur so können Schüler nachhaltiges Denken und Handeln erlernen und praktizieren“, fordert der Kieler Geograph Professor Dr. Hans-Rudolf Bork, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geographie, am Rande einer Klausurtagung in Bergisch-Gladbach. Die Geographen regen deswegen die Einführung eines „geowissenschaftlichen Profils“ an allgemeinbildenden Gymnasien an. Eine solche Profilierung entspräche den Bestrebungen, die gymnasiale Bildung den unterschiedlichen Interessen und Begabungen der Schüler weiter anzupassen, so Bork. Sie würde es auch ermöglichen, die Schüler an die besondere Ambivalenz der Geographie zwischen theoretischem Unterricht im Klassenzimmer und praktischer natur- und sozialwissenschaftlicher Projektarbeit heranzuführen.
Darüber hinaus sei es im „Zeitalter der Globalisierung“ für die zukünftigen Bürger unumgänglich, die Zusammenhänge zwischen den natürlichen, sozialen und wirtschaftlichen Gegebenheiten der Erde zu erlernen. Wer beispielsweise die Gründe für den massiven Arbeitskräftebedarf in Europa und die internationale Migrationen nicht kenne, werde den Zuwanderern hier wenig Verständnis entgegen bringen und nicht selten radikalen Parolen ausgeliefert sein, befürchtet Bork. Unsere Nahrungsmittelversorgung werde auch durch die häufig nicht angepasste landwirtschaftliche Produktion außerhalb Europas gewährleistet – und verdränge dort die Produktion von Lebensmitteln für die Einheimischen. Dramatische Umweltprobleme wie die Zerstörung der Böden durch Erosion und Versalzung sind die Folgen. Viele arme Menschen nicht nur in Afrika können aufgrund des fehlenden Geldes keine Lebensmittel kaufen. Andere sind dankbar, wenn sie aus Europa importierte, von der EU subventionierte und deswegen billige Lebensmittel kaufen können, die jedoch die einheimischen Märkte massiv schädigen. Dieser fatale Kreislauf kann nach Ansicht Borks nur durch das Erkennen der Problemkette und dann vor allem durch eine grundlegende Veränderung unseres Verhaltens beendet werden. Voraussetzung dafür sind ein starker und umfassender Geographieunterricht an den Schulen und umfassende, interdisziplinäre geographische Forschungen an den Hochschulen sowie im Ergebnis ein weitaus besseres Verständnis in der Bevölkerung für geographische Zusammenhänge. Derzeit ergebe sich dazu in Deutschland eine kontraproduktive Tendenz, weil, wie im Verlaufe der Klausurtagung festgestellt wurde, in den vergangenen Jahren die Geographie an den Universitäten durch Reduktion der Lehrstühle oder sogar Schließung der Institute und in den Stundentafeln der Schulen kontinuierlich abgebaut wurde.
Die Deutsche Gesellschaft für Geographie ist der Dachverband der geographischen Verbände in Deutschland. In ihr sind Geographinnen und Geographen aus Schule und Hochschule vereint sowie diejenigen, die als Geographen in den verschiedensten Berufen tätig sind. Die Klausurtagung in Bergisch-Gladbach hatte Teilnehmer aus ganz Deutschland und aus allen Teilverbänden der Geographie.

Dr. Eberhard Schallhorn 
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsche Gesellschaft für Geographie (DGfG)
via Informationsdienst Wissenschaft
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