Dienstag, 21. Februar 2012

Rohstoffhandel und Krieg im Ostkongo: Für eine Konfliktforschung ohne 'Morallobbyismus'

In den letzten Jahren hat es im Ostkongo wiederholt bewaffnete Konflikte und gewaltsame Übergriffe auf die Zivilbevölkerung gegeben. Ist der Handel mit den wertvollen Bodenschätzen der Region daran schuld? Dieser verbreiteten Auffassung widerspricht Dr. Martin Doevenspeck, Mitarbeiter am Geographischen Institut der Universität Bayreuth, in der aktuellen Ausgabe der "Geographischen Rundschau". In den letzten Jahren hat er zahlreiche Forschungsreisen in die ostafrikanischen Grenzregionen entlang der Großen Seen unternommen. Dabei hat er die von bewaffneten Konflikten erschütterten Regionen im Ostkongo aus eigener Anschauung kennengelernt.

Mineralienhandel: Ursache gewaltsamer Konflikte?

In der Konfliktforschung wird häufig die These vertreten, der Handel mit seltenen Mineralien – insbesondere mit Coltan, Kassiterit und Wolframit – sei die zentrale Ursache gewaltsamer Konflikte im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Bewaffnete Gruppen würden hier darauf hinarbeiten, der seltenen Bodenschätze habhaft zu werden und mit deren Export Waffen und anderes Kriegsgerät zu finanzieren. "Diese bis heute weitverbreitete Einschätzung stützt sich jedoch auf Berichte, die zehn Jahre alt oder älter sind," kritisiert Doevenspeck. Er verweist auf die "Group of Experts" des UN-Sicherheitsrats, der sich in jüngster Zeit mit den aktuellen Geldquellen bewaffneter Milizen in Ostafrika befasst hat, sowie auf neuere wissenschaftliche Studien: "Diese aktuellen Analysen bringen klar zum Ausdruck, dass die aus Rohstoffhandel erzielten Profite keineswegs immer zur Finanzierung des Krieges dienen, sondern in erster Linie das Überleben großer Teile der ländlichen Bevölkerung im Ostkongo sichern."

Bergbau im Ostkongo: Milizen als Sicherheitsgaranten

Doevenspeck beklagt, dass Wissenschaft und Politik sich mit den lokalen Verhältnissen im Ostkongo zu wenig befassen und deshalb verkennen, mit welchen politischen Zielen bewaffnete Gruppen dort agieren. Weil staatliche Strukturen fehlen, erfüllen private Milizen und Teile der staatlichen Armee oft die Funktion privater Sicherheitsdienste. Sie sind nicht direkt am Abbau von Mineralien beteiligt, doch sie erheben Steuern auf die Zufahrts- und Abfahrtswege in der Nähe der Minen. Mit diesen Einnahmen schaffen sie innerhalb der von ihnen kontrollierten Gebiete Sicherheit und relativ friedliche Verhältnisse – zum Vorteil der Bevölkerung, die ihren Lebensunterhalt im Bergbau verdient. Allein in der Region Nordkivu sind Schätzungen zufolge 200.000 Arbeiter in den Minen tätig; von deren Einkommen sind rund 1 Million Familienangehörige abhängig.

Widersprüche: Internationale Kampagnen, regionale Interessen


Gleichwohl ist die Auffassung international verbreitet, das Leiden der Zivilbevölkerung im Ostkongo ließe sich auf die Gier der Milizen nach profitablen Mineralien zurückführen. Der "Dodd-Frank Act", ein 2010 im Rahmen der Finanzmarktreform vom US-amerikanischen Senat verabschiedetes Gesetz, verlangt im sog. "Conflict Mineral Act" von allen in den USA tätigen Unternehmen den Nachweis, dass die in ihren Produkten verwendeten Rohstoffe nicht zur Finanzierung einer bewaffneten Gruppe im Ostkongo beigetragen haben. Internationale Initiativen wie "Global Witness" und "The Enough Project" haben Kampagnen mit dem Ziel gestartet, den Handel mit seltenen Mineralien aus dem Ostkongo zurückzudrängen. "In den betroffenen Bergbauregionen werden alle diese Aktivitäten sehr kritisch gesehen und geradezu als kontraproduktiv eingeschätzt", berichtet Doevenspeck. "Die Befürchtung ist weitverbreitet, dass viele Menschen ihre Arbeitsplätze verlieren und sich in der Folge bewaffneten Milizen anschließen."

Konfliktforschung: Politische Analysen statt 'Morallobbyismus'


Vor diesem Hintergrund plädiert Doevenspeck gegen einen "Internationalen Morallobbyismus" und für eine "Politische Geographie", die sich deutlich stärker den Gegebenheiten vor Ort zuwendet. Wissenschaftliche Studien sollten bewaffnete Konflikte im regionalen Kontext betrachten und auf ihre politischen Ursachen hin untersuchen, statt sie oberflächlich mit einer ‚Gier nach Ressourcen’ erklären zu wollen. Dann könne die Forschung indirekt dazu beitragen, die Lebenssituation der Menschen im Ostkongo zu verbessern.

"Aktuelle Bestrebungen, den Handel mit seltenen Mineralien zu zertifizieren, haben durchaus geholfen, den Mineralienhandel auf eine professionellere Grundlage zu stellen und den kongolesischen Bergbausektor zu formalisieren," erklärt Doevenspeck. "Wenn die Zertifizierung künftig ausgebaut wird, müssen die wirtschaftlichen und sozialen Interessen der Menschen in Afrika eindeutig Vorrang haben, nicht aber die Interessen westlicher Industrieländer an einer konfliktfreien Mobilkommunikation."

Veröffentlichung:

Martin Doevenspeck,
"Konfliktmaterialien": Rohstoffhandel und bewaffnete Konflikte im Ostkongo,
in: Geographische Rundschau 2, 2012, S. 12-18

Christian Wißler 
Mediendienst Forschung
Universität Bayreuth
via Informationsdienst Wissenschaft
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