Donnerstag, 29. November 2012

Messel, Ida und die Welt des Eozäns - Sonderheft erschienen

Wie sah die Welt vor 47 Millionen Jahren aus? Und woran ist „Ida“, der Star aus Messel wirklich gestorben? Gestern erschien das Sonderheft „Messel and the terrestrial Eocene - Proceedings of the 22nd Senckenberg Conference” der Senckenberg-Zeitschrift „Palaeobiodiversity and Palaeoenvironments“. In 16 Fachartikeln über Pflanzen, niedere Wirbeltiere und Säugetiere zeichnen internationale Paläontologen ein Bild des kontinentalen Lebens während des Eozäns von Amerika über Europa bis nach China.
Zeitreisen in das Eozän sind nicht möglich – um die Tierwelt der Epoche zwischen etwa 56 und 34 Millionen Jahre vor heute zu erforschen, sind Wissenschaftler deshalb auf Vergleiche mit der heutigen Fauna angewiesen.
So geht es auch den über 100 Paläontologen aus 14 Ländern, die im vergangenen Jahr die internationale Senckenberg-Tagung „The world at the Time of Messel“ besuchten. Aus ihren Diskussionen und Vorträgen ist nun das Sonderheft „Messel and the terrestrial Eocene“ der Senckenberg-Publikation „Palaeobiodiversity and Palaeoenvironments“ entstanden.
„Mit spannenden Forschungsergebnissen“, findet Dr. Stephan Schaal, Gast-Herausgeber und Leiter der Abteilung Paläoanthropologie und Messelforschung am Senckenberg Forschungsinstitut in Frankfurt. „So werden beispielsweise zwei verschiedene Sichtweisen zur möglichen Todesursache von Ida vorgestellt.“
„Ida“ wird das fast vollständig erhaltene Skelett der ausgestorbenen Halbaffenart Darwinius masillae genannt, das zu den populärsten und einzigartigsten Messel-Funden zählt.

Dr. Jens Lorenz Franzen, ehemaliger Leiter der Abteilung Paläoanthropologie und Quartärpaläontologie bei Senckenberg, vermutet in seinem Artikel, dass ein Knochenbruch in Idas Hand und die daraus folgende Behinderung tödliche Folgen für den Halbaffen hatten.

„Die Paläontologen Michelle Sauther und Frank Cuozzo führen dagegen aus, dass eine solche Verletzung nicht notwendigerweise zum Tod von Ida geführt haben muss, da es zahlreiche Beispiele von rezenten Lemuren gibt, die schwere Knochenbrüche überlebt haben und auch nach den Unfällen klettern und in Bäumen leben konnten“, erläutert der Frankfurter Paläontologe Dr. Thomas Lehmann, ebenfalls Gast-Herausgeber der Publikation.
In dem zugrundeliegenden Artikel haben Lehmanns US-amerikanische Kollegen heutige Lemuren in Madagaskar mit fossilen Halbaffen verglichen. Während 25 Jahren Feldarbeit ist so eine einzigartige Datenbank zu Fressgewohnheiten, Krankheiten und Morphologie der Baumbewohner entstanden.
So konnten sie auch eine andere These widerlegen: „Die Analyse des Gebisses von über 300 heutigen Lemuren hat ergeben, dass Halbaffen des Eozäns – trotz starker Abnutzung ihrer Zähne durch den Verzehr harter Pflanzenreste – ein langes Leben führen konnten“, erklärt Lehmann. Bisher war man davon ausgegangen, dass eine starke Abnutzung des Gebisses einen frühen Tod bewirkt.
Mit sechs Artikeln liegt der Schwerpunkt des Heftes auf der Primaten-Forschung. Neben Ida und einem Überblick über neue Entdeckungen früher Primaten in Amerika, Asien und Afrika, beinhaltet die Publikation aber auch Beiträge zu eozänen Pflanzen, einer fossilen Fisch-Fauna in China oder den Beziehungen zwischen Doppelschleichen und echten Eidechsen. Außerdem wird das Verbreitungsmuster von Schuppenkriechtieren während des Eozäns und die Ökologie und Verwandtschaft von Säugetieren aus Amerika, Messel und Asienpräsentiert sowie eine neue Kleinsäugetier-Fundstelle aus Frankreich vorgestellt.

„Die Artikel zahlreicher führender Eozän-Forscher in diesem Sonderheft spiegelt das weltweite Interesse an dem UNESCO Welterbe Grube Messel wieder“, sagt Schaal. „Es zeigt auch, dass Messel nach wie vor einen Schwerpunkt in der Paläontologie bildet.“
Publikation
Sonderheft: Lehmann T, Schaal SFK (eds) Messel and the terrestrial Eocene - Proceedings of the 22nd Senckenberg Conference. Palaeobio Palaeoenv 92(4). Freier Zugang bis Ende des Jahres auf alle Artikel unter
http://www.springer.com/palaeo
Judith Jördens Senckenberg PressestelleSenckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen

Via Informationsdienst Wissenschaft


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