Mittwoch, 29. Februar 2012

BGR nimmt zu „Gorleben-Studie“ Stellung

Die BGR hat zu einer Studie des Geologen Dr. Ulrich Kleemann zur „Bewertung des Endlager-Standortes Gorleben“ fachlich Stellung genommen. Kleemann hatte in einer von der „Rechtshilfe Gorleben“ in Auftrag gegebenen Studie die BGR wegen ihrer angeblich unzureichenden und einseitigen Darstellung kritisiert.
Die BGR-Stellungnahme ist hier abrufbar

Dienstag, 28. Februar 2012

Zeitraffer-Video - Die Erde bei Nacht, gesehen von der ISS

Dieses herrliche Zeitraffer Video zeigt einen Überflug der ISS über die Nachtseite der Erde. Meine Empfehlung ist definitiv Vollbildschirm.

Dienstag, 21. Februar 2012

Rohstoffhandel und Krieg im Ostkongo: Für eine Konfliktforschung ohne 'Morallobbyismus'

In den letzten Jahren hat es im Ostkongo wiederholt bewaffnete Konflikte und gewaltsame Übergriffe auf die Zivilbevölkerung gegeben. Ist der Handel mit den wertvollen Bodenschätzen der Region daran schuld? Dieser verbreiteten Auffassung widerspricht Dr. Martin Doevenspeck, Mitarbeiter am Geographischen Institut der Universität Bayreuth, in der aktuellen Ausgabe der "Geographischen Rundschau". In den letzten Jahren hat er zahlreiche Forschungsreisen in die ostafrikanischen Grenzregionen entlang der Großen Seen unternommen. Dabei hat er die von bewaffneten Konflikten erschütterten Regionen im Ostkongo aus eigener Anschauung kennengelernt.

Mineralienhandel: Ursache gewaltsamer Konflikte?

In der Konfliktforschung wird häufig die These vertreten, der Handel mit seltenen Mineralien – insbesondere mit Coltan, Kassiterit und Wolframit – sei die zentrale Ursache gewaltsamer Konflikte im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Bewaffnete Gruppen würden hier darauf hinarbeiten, der seltenen Bodenschätze habhaft zu werden und mit deren Export Waffen und anderes Kriegsgerät zu finanzieren. "Diese bis heute weitverbreitete Einschätzung stützt sich jedoch auf Berichte, die zehn Jahre alt oder älter sind," kritisiert Doevenspeck. Er verweist auf die "Group of Experts" des UN-Sicherheitsrats, der sich in jüngster Zeit mit den aktuellen Geldquellen bewaffneter Milizen in Ostafrika befasst hat, sowie auf neuere wissenschaftliche Studien: "Diese aktuellen Analysen bringen klar zum Ausdruck, dass die aus Rohstoffhandel erzielten Profite keineswegs immer zur Finanzierung des Krieges dienen, sondern in erster Linie das Überleben großer Teile der ländlichen Bevölkerung im Ostkongo sichern."

Bergbau im Ostkongo: Milizen als Sicherheitsgaranten

Doevenspeck beklagt, dass Wissenschaft und Politik sich mit den lokalen Verhältnissen im Ostkongo zu wenig befassen und deshalb verkennen, mit welchen politischen Zielen bewaffnete Gruppen dort agieren. Weil staatliche Strukturen fehlen, erfüllen private Milizen und Teile der staatlichen Armee oft die Funktion privater Sicherheitsdienste. Sie sind nicht direkt am Abbau von Mineralien beteiligt, doch sie erheben Steuern auf die Zufahrts- und Abfahrtswege in der Nähe der Minen. Mit diesen Einnahmen schaffen sie innerhalb der von ihnen kontrollierten Gebiete Sicherheit und relativ friedliche Verhältnisse – zum Vorteil der Bevölkerung, die ihren Lebensunterhalt im Bergbau verdient. Allein in der Region Nordkivu sind Schätzungen zufolge 200.000 Arbeiter in den Minen tätig; von deren Einkommen sind rund 1 Million Familienangehörige abhängig.

Widersprüche: Internationale Kampagnen, regionale Interessen


Gleichwohl ist die Auffassung international verbreitet, das Leiden der Zivilbevölkerung im Ostkongo ließe sich auf die Gier der Milizen nach profitablen Mineralien zurückführen. Der "Dodd-Frank Act", ein 2010 im Rahmen der Finanzmarktreform vom US-amerikanischen Senat verabschiedetes Gesetz, verlangt im sog. "Conflict Mineral Act" von allen in den USA tätigen Unternehmen den Nachweis, dass die in ihren Produkten verwendeten Rohstoffe nicht zur Finanzierung einer bewaffneten Gruppe im Ostkongo beigetragen haben. Internationale Initiativen wie "Global Witness" und "The Enough Project" haben Kampagnen mit dem Ziel gestartet, den Handel mit seltenen Mineralien aus dem Ostkongo zurückzudrängen. "In den betroffenen Bergbauregionen werden alle diese Aktivitäten sehr kritisch gesehen und geradezu als kontraproduktiv eingeschätzt", berichtet Doevenspeck. "Die Befürchtung ist weitverbreitet, dass viele Menschen ihre Arbeitsplätze verlieren und sich in der Folge bewaffneten Milizen anschließen."

Konfliktforschung: Politische Analysen statt 'Morallobbyismus'


Vor diesem Hintergrund plädiert Doevenspeck gegen einen "Internationalen Morallobbyismus" und für eine "Politische Geographie", die sich deutlich stärker den Gegebenheiten vor Ort zuwendet. Wissenschaftliche Studien sollten bewaffnete Konflikte im regionalen Kontext betrachten und auf ihre politischen Ursachen hin untersuchen, statt sie oberflächlich mit einer ‚Gier nach Ressourcen’ erklären zu wollen. Dann könne die Forschung indirekt dazu beitragen, die Lebenssituation der Menschen im Ostkongo zu verbessern.

"Aktuelle Bestrebungen, den Handel mit seltenen Mineralien zu zertifizieren, haben durchaus geholfen, den Mineralienhandel auf eine professionellere Grundlage zu stellen und den kongolesischen Bergbausektor zu formalisieren," erklärt Doevenspeck. "Wenn die Zertifizierung künftig ausgebaut wird, müssen die wirtschaftlichen und sozialen Interessen der Menschen in Afrika eindeutig Vorrang haben, nicht aber die Interessen westlicher Industrieländer an einer konfliktfreien Mobilkommunikation."

Veröffentlichung:

Martin Doevenspeck,
"Konfliktmaterialien": Rohstoffhandel und bewaffnete Konflikte im Ostkongo,
in: Geographische Rundschau 2, 2012, S. 12-18

Christian Wißler 
Mediendienst Forschung
Universität Bayreuth
via Informationsdienst Wissenschaft

Mittwoch, 15. Februar 2012

Feuerwerk der Erdbeben 2011

In dieser Animation sind die Erdbeben des Jahres 2011 in ihrer Intensität und ihrer Verteilung über die Erde zu sehen. Das verheerende Erdbeben von Tohoku am 11. März ist gut zu erkennen. Leider sind die erklärenden Texte auf Japanisch.


Dienstag, 14. Februar 2012

Fukushima at increased earthquake risk

Seismic risk at the Fukushima nuclear plant increased after the magnitude 9 earthquake that hit Japan last March, scientists report. The new study, which uses data from over 6,000 earthquakes, shows the 11 March tremor caused a seismic fault close to the nuclear plant to reactivate. The results are now published in Solid Earth, an open-access journal of the European Geosciences Union (EGU).

The research suggests authorities should strengthen the security of the Fukushima Daiichi nuclear power plant to withstand large earthquakes that are likely to directly disturb the region. The power plant witnessed one of the worst nuclear disasters in history after it was damaged by the 11 March 2011 magnitude 9 earthquake and tsunami. But this tremor occurred about 160 km from the site, and a much closer one could occur in the future at Fukushima.

“There are a few active faults in the nuclear power plant area, and our results show the existence of similar structural anomalies under both the Iwaki and the Fukushima Daiichi areas. Given that a large earthquake occurred in Iwaki not long ago, we think it is possible for a similarly strong earthquake to happen in Fukushima,” says team-leader Dapeng Zhao, geophysics professor at Japan’s Tohoku University.

The 11 April 2011 magnitude 7 Iwaki earthquake was the strongest aftershock of the 11 March earthquake with an inland epicentre. It occurred 60 km southwest of the Fukushima nuclear power plant, or 200 km from the 11 March epicentre.

The research now published in EGU’s Solid Earth shows that the Iwaki earthquake was triggered by fluids moving upwards from the subducting Pacific plate to the crust. The Pacific plate is moving beneath northeast Japan, which increases the temperature and pressure of the minerals in it. This leads to the removal of water from minerals, generating fluids that are less dense than the surrounding rock. These fluids move up to the upper crust and may alter seismic faults.

“Ascending fluids can reduce the friction of part of an active fault and so trigger it to cause a large earthquake. This, together with the stress variations caused by the 11 March event, is what set off the Iwaki tremor,” says Ping Tong, lead author of the paper.

The number of earthquakes in Iwaki increased greatly after the March earthquake. The movements in the Earth’s crust induced by the event caused variations in the seismic pressure or stress of nearby faults. Around Iwaki, Japan’s seismic network recorded over 24,000 tremors from 11 March 2011 to 27 October 2011, up from under 1,300 detected quakes in the nine years before, the scientists report.

The 6,000 of these earthquakes selected for the study were recorded by 132 seismographic stations in Japan from June 2002 to October 2011. The researchers analysed these data to take pictures of the Earth’s interior, using a technique called seismic tomography.

“The method is a powerful tool to map out structural anomalies, such as ascending fluids, in the Earth’s crust and upper mantle using seismic waves. It can be compared to a CT or CAT scan, which relies on X-rays to detect tumours or fractures inside the human body,” explains Zhao.

While the scientists can’t predict when an earthquake in Fukushima Daiichi will occur, they state that the ascending fluids observed in the area indicate that such an event is likely to occur in the near future. They warn that more attention should be paid to the site’s ability to withstand strong earthquakes, and reduce the risk of another nuclear disaster.

The scientists also note that the results may be useful for reviewing seismic safety in other nuclear facilities in Japan, such as nearby Fukushima Daini, Onagawa to the north of Fukushima, and Tōkai to the south.

This research is presented in the paper ‘Tomography of the 2011 Iwaki earthquake (M 7.0) and Fukushima nuclear power plant area’ to appear in the EGU open-access journal Solid Earth on 14 February 2012.

The scientific article is available online, from the publication date onwards, at http://www.solid-earth.net/recent_papers.html.

The discussion paper (not peer-reviewed) and reviewers comments is available at http://www.solid-earth-discuss.net/3/1021/2011/sed-3-1021-2011.html.

The team is composed of Ping Tong (Tohoku University, Sendai, Japan [Tohoku] and Tsinghua University, Beijing, China [Tsinghua]), Dapeng Zhao (Tohoku), Dinghui Yang (Tsinghua).

The European Geosciences Union (EGU, www.egu.eu) is Europe’s premier geosciences union, dedicated to the pursuit of excellence in the Earth, planetary, and space sciences for the benefit of humanity, worldwide. It is a non-profit interdisciplinary learned association of scientists founded in 2002. The EGU has a current portfolio of 14 diverse scientific journals, which use an innovative open-access format, and organises a number of topical meetings, and education and outreach activities. Its annual General Assembly is the largest and most prominent European geosciences event, attracting over 10,000 scientists from all over the world. The meeting’s sessions cover a wide range of topics, including volcanology, planetary exploration, the Earth’s internal structure and atmosphere, climate change, and renewable energies.

The 2012 EGU General Assembly is taking place is Vienna, Austria from 22-27 April. For information regarding the press centre at the meeting and media registration, please check http://media.egu2012.eu/.

Dr. Bárbara T. Ferreira 
EGU Executive Office
European Geosciences Union

via Informationsdienst Wissenschaft

Mittwoch, 8. Februar 2012

Why Does The Sun Shine? (The Sun Is A Mass of Incandescent Gas) original version lyrics

They Might Be Giants mit einer Lobeshymne auf unser Zentralgestirn

Dienstag, 7. Februar 2012

Geo-Video - Die Sinne des Tyrannosaurus rex

Nach wie vor wird darüber gestritten, ob der "König der Tyrannenechsen" nun ein aktiver Jäger, oder doch mehr ein hauptsächlicher Aasfresser gewesen ist. Ich persönlich tendiere ja zum aktiven Jäger. Und seine Sinne scheinen auch dafür zu sprechen.

Montag, 6. Februar 2012

First Contact [Carl Sagan Tribute Series]

Chemie in der Erdgasförderung: Nutzen und Risiken

Unkonventionelle Erdgaslagerstätten erschließen Mineralölkonzerne durch das umstrittene Fracking. Es gewinnt Erdgas selbst aus Gesteinsporen. Wie diese Technik funktioniert und welcher Art Nutzen und Risiken sie birgt, darüber berichten die „Nachrichten aus der Chemie“.

Erdgas in konventionellen Vorkommen strömt von selber zu einem Bohrloch. Befindet sich das Gas aber in verschlossenen Poren, beispielsweise in Schiefergestein, verwenden Förderer wie der Mineralölkonzern Exxon Mobil das Hydraulic Fracturing, kurz Fracking, um das Gas freizusetzen.

Fracking bricht mit hohem Wasserdruck das Gestein in mehreren Kilometern Tiefe auf. Chemikalien stabilisieren dann die Bohrspalten, solange das Gas abgepumpt wird. Da auf diesem Weg teils umweltschädigende Substanzen in den Boden gelangen, stößt das Verfahren bei Bevölkerung und Umweltschützern auf Widerstand. Ein Expertenkreis prüft momentan die Risiken des Fracking bei Lagerstätten in Norddeutschland.

Brigitte Osterath, promovierte Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin, beschreibt das Fracking und die dabei eingesetzten Chemikalien. Außerdem berichtet sie über die Vorgehensweisen und Standpunkte von Exxon Mobil, des unabhängigen Expertenkreises sowie der Bevölkerung.

Die PDF-Datei des Beitrags gibt es bei der Redaktion der „Nachrichten aus der Chemie“ unter nachrichten@gdch.de.

Nahezu 80 000 anspruchsvolle Chemiker und Chemikerinnen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Lehre informieren sich mit den „Nachrichten" über Entwicklungen in der Chemie, in angrenzenden Wissenschaften sowie über gesellschaftliche und wirtschaftliche Aspekte. Kennzeichen der Zeitschrift der Gesellschaft Deutscher Chemiker sind das breite Spektrum der Berichte, das einmalige Informationsangebot an Personalien, Veranstaltungs- und Fortbildungsterminen sowie der große Stellenmarkt.

Dr. Ernst Guggolz 
Abteilung Öffentlichkeitsarbeit
Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.
via Informationsdienst Wissenschaft

Von der Leiche zum Fossil

Die Weichteile von Lebewesen sind vergänglich, nur die Fossilisation bewahrt sie in Ausnahmefällen für die Ewigkeit. Paläontologen der Universität Bonn und der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz haben an Tierkadavern detailliert die komplette Zersetzungskette experimentell studiert. Sie nutzen die Ergebnisse zum Vergleich mit Millionen Jahre alten Fossilien. Aber auch die Rechtsmedizin könnte zur Aufklärung von Gewaltverbrechen davon profitieren. Die Forscher stellen die Studie in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins „Palaeobiodiversity and Palaeoenvironments“ vor.

Als Glücksfall für die Wissenschaft erwies sich ein Gartenschläfer, der vermutlich von einer Katze getötet und auf einer Terrasse abgelegt wurde. Über Umwege gelangte der Kadaver ins Steinmann-Institut für Geologie, Mineralogie und Paläontologie der Universität Bonn und diente dort als Versuchsobjekt. „Das Nagetier kam uns sehr gelegen“, berichtet der Geologe Achim H. Schwermann, der mit seinen Kollegen Dr. Michael Wuttke und Julia A. Schultz die Ablagerungs- und Zersetzungsprozesse bei der Fossilisation von Wirbeltieren untersucht. Mit dem Gartenschläfer ergab sich die einmalige Chance, die Zerfallsgeschichte eines 47 Millionen Jahre alten Fingertier-Fossils zu rekonstruieren, das aus dem Ölschiefer des UNESCO-Welterbes Grube Messel bei Darmstadt stammt. „Größe und Körperbau des Gartenschläfers sind dem des Fingertiers Heterohyus nanus sehr ähnlich“, erläutert Schwermann, der Erstautor der Studie.

Ein Gebräu aus dem Teich des Poppelsdorfer Schlosses

Zusammen mit Dr. Michael Wuttke von der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz stellten die Bonner Paläontologen im Experiment den allmählichen Zerfall des Gartenschläfers als Modell für das Millionen Jahre alte Fingertier nach. Sie legten den toten Körper des Gartenschläfers in ein Wasserbecken und beobachteten die verschiedenen Stadien des Zersetzungsprozesses. „Wir verwendeten dafür Wasser aus dem Teich des Poppelsdorfer Schlosses“, sagt Schwermann. „Die darin enthaltenen Bakterien beschleunigten den Zerfall des Körpers.“ Nach zwei Monaten war der Gartenschläfer völlig aufgelöst - nur noch vereinzelte Knochen, Zähne und Haare fanden sich nach Beendigung des Experiments in dem Behälter. Mit einem Mikro-Computertomografen (Mikro-CT) nahmen die Forscher in regelmäßigen Abständen digitale Schnittserien des sich zersetzenden Tiers auf und fügten diese zu dreidimensionalen Aufnahmen zusammen.

Der Weg der Lebewesen in die Ewigkeit

Auf diesen CT-Bildern ist genau das zu sehen, was jedes Lebewesen auf seinem Weg in die Ewigkeit durchmachen muss: Es kommt zu starker Gasbildung, Verflüssigung der inneren Organe und schließlich zum Zerfall des Skeletts, wenn sich die Verbindungen zwischen den Knochen auflösen. „Bereits nach zehn Tagen löste sich der Handknochen vom Rest des Skeletts“, sagt Dr. Wuttke. Während ein Kadaver normalerweise komplett in seine Bestandteile zerfällt und nichts mehr vom ursprünglichen Tier übrigbleibt, stoppte bei dem untersuchten Fossil dieser Verwesungsprozess in einem bestimmten Stadium. „Das ist genau die Momentaufnahme, die uns Paläontologen interessiert, weil sie viel über das Lebewesen und die Ablagerungsgeschichte erzählen kann“, sagt Wuttke.

Leichenwachs „fixierte“ die Knochen für die Versteinerung

Das fossilisierte Skelett des 47 Millionen Jahre alten Fingertiers ist im Gegensatz zu dem des Gartenschläfers nicht zerfallen. Warum das Fossil so gut erhalten ist, konnten die Wissenschaftler aus den Ergebnissen ihrer Zersetzungsstudien ableiten. „Wir vermuten, dass Leichenwachs die Knochen im Schlamm zusammengehalten hat, bis das Skelett schließlich ‚versteinerte’“, erläutert Schwermann. Das Leichenwachs entsteht aus dem Körperfett der Kadaver und bildet als haltbare, zähe Masse eine Art Kitt für die Knochen. Die Paläontologen haben neben dem Gartenschläfer auch noch den Zersetzungsprozess eines Maulwurfs mit dem Computertomografen untersucht.

Wichtige Erkenntnisse für die Gerichtsmedizin

Schon seit über 100 Jahren befassen sich Wissenschaftler mit Fragen rund um den Zersetzungsprozess toter Organismen und wie sich dieser durch Fossilbildung stoppen lässt. „Wir haben nun erstmals vollständige Zersetzungsreihen von Tieren mittels Computertomografie erfasst“, sagt Schwermann. Diese Erkenntnisse sind nicht nur für ein besseres Verständnis der Fossilisation in den Geowissenschaften wichtig, auch die moderne Rechtsmedizin könnte davon profitieren. „Wir haben die Zersetzungsstadien modellhaft an Tierleichen intensiv untersucht – diese Ergebnisse könnten auch sachdienlich für die Spurensuche nach Gewaltverbrechen sein.“

Publikation: Achim H. Schwermann, Michael Wuttke und Julia A. Schultz (2012): Virtopsy of the controlled decomposition of a dormouse Eliomys quercinus as a tool to analyse the taphonomy of Heterohyus nanus from Messel (Eocene, Germany). Palaeobiodiversity and Palaeoenvironments. DOI 10.1007/s12549-011-0063-3
 

Johannes Seiler 
Abteilung Presse und Kommunikation
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

via Informationsdienst Wissenschaft

Mittwoch, 1. Februar 2012

Geographie weit mehr als "Stadt, Land, Fluss"

Die Wahrnehmung des Wissenschafts- und Schulfaches Geographie in der Öffentlichkeit entspricht nicht den aktuellen Inhalten des Faches: Immer noch wird es weitgehend mit „Stadt-Land-Fluss“ gleichgesetzt, dem unterhaltsamen Spiel, das aber nicht Geographie ist. Dabei ist das Fach Geographie dasjenige in Schule und Wissenschaft, in dem methodisch anspruchsvoll und fachlich fundiert die wichtigen Zukunftsprobleme der Menschheit unterrichtet und erforscht werden.

Nach Erhebungen der Vereinten Nationen gehören Klimaveränderung, Raubbau an natürlichen Ressourcen, die zunehmende Verstädterung sowie Bevölkerungszunahme und -wanderung zu den wichtigen Zukunftsproblemen der Menschheit – und sie sind vorrangige Themen interdisziplinärer Forschungsgruppen mit maßgeblicher Beteiligung von Geographen. „Ihre Ergebnisse müssen im Geographieunterricht der Schulen vermittelt werden, um den Schülern das komplexe Zusammenspiel von natürlichen und humanwissenschaftlichen Faktoren und Kräften bewusst zu machen. Nur so können Schüler nachhaltiges Denken und Handeln erlernen und praktizieren“, fordert der Kieler Geograph Professor Dr. Hans-Rudolf Bork, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geographie, am Rande einer Klausurtagung in Bergisch-Gladbach. Die Geographen regen deswegen die Einführung eines „geowissenschaftlichen Profils“ an allgemeinbildenden Gymnasien an. Eine solche Profilierung entspräche den Bestrebungen, die gymnasiale Bildung den unterschiedlichen Interessen und Begabungen der Schüler weiter anzupassen, so Bork. Sie würde es auch ermöglichen, die Schüler an die besondere Ambivalenz der Geographie zwischen theoretischem Unterricht im Klassenzimmer und praktischer natur- und sozialwissenschaftlicher Projektarbeit heranzuführen.
Darüber hinaus sei es im „Zeitalter der Globalisierung“ für die zukünftigen Bürger unumgänglich, die Zusammenhänge zwischen den natürlichen, sozialen und wirtschaftlichen Gegebenheiten der Erde zu erlernen. Wer beispielsweise die Gründe für den massiven Arbeitskräftebedarf in Europa und die internationale Migrationen nicht kenne, werde den Zuwanderern hier wenig Verständnis entgegen bringen und nicht selten radikalen Parolen ausgeliefert sein, befürchtet Bork. Unsere Nahrungsmittelversorgung werde auch durch die häufig nicht angepasste landwirtschaftliche Produktion außerhalb Europas gewährleistet – und verdränge dort die Produktion von Lebensmitteln für die Einheimischen. Dramatische Umweltprobleme wie die Zerstörung der Böden durch Erosion und Versalzung sind die Folgen. Viele arme Menschen nicht nur in Afrika können aufgrund des fehlenden Geldes keine Lebensmittel kaufen. Andere sind dankbar, wenn sie aus Europa importierte, von der EU subventionierte und deswegen billige Lebensmittel kaufen können, die jedoch die einheimischen Märkte massiv schädigen. Dieser fatale Kreislauf kann nach Ansicht Borks nur durch das Erkennen der Problemkette und dann vor allem durch eine grundlegende Veränderung unseres Verhaltens beendet werden. Voraussetzung dafür sind ein starker und umfassender Geographieunterricht an den Schulen und umfassende, interdisziplinäre geographische Forschungen an den Hochschulen sowie im Ergebnis ein weitaus besseres Verständnis in der Bevölkerung für geographische Zusammenhänge. Derzeit ergebe sich dazu in Deutschland eine kontraproduktive Tendenz, weil, wie im Verlaufe der Klausurtagung festgestellt wurde, in den vergangenen Jahren die Geographie an den Universitäten durch Reduktion der Lehrstühle oder sogar Schließung der Institute und in den Stundentafeln der Schulen kontinuierlich abgebaut wurde.
Die Deutsche Gesellschaft für Geographie ist der Dachverband der geographischen Verbände in Deutschland. In ihr sind Geographinnen und Geographen aus Schule und Hochschule vereint sowie diejenigen, die als Geographen in den verschiedensten Berufen tätig sind. Die Klausurtagung in Bergisch-Gladbach hatte Teilnehmer aus ganz Deutschland und aus allen Teilverbänden der Geographie.

Dr. Eberhard Schallhorn 
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsche Gesellschaft für Geographie (DGfG)
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Der Messeler Ötzi - Rätsel um Erhaltung von Wirbeltierskeletten anhand fossiler Echsen geklärt

Frankfurt, den 01. Februar 2012. Wissenschaftler des Senckenberg Forschungsinstituts Frankfurt haben 47 Millionen Jahre alte Skelette fossiler Echsen aus der Grube Messel untersucht und festgestellt, dass sich die ursprüng-lichen Zusammenhänge der Skelettelemente während der Fossilisation nur wenig verändert haben. Die Studie ist kürzlich im Fachjournal „Palaeobiodiversity and Palaeoenvironments“ online erschienen.

 Hier eine Rippe, dort ein Hüftknochen – Skelette von fossilen Wirbeltieren werden meist als mehr oder weniger chaotisch verstreute Knochenansammlungen abgelagert. Skelettelemente, die noch im anatomischen Verband liegen, sind sehr selten. Nicht so bei den Wirbeltier-Skeletten, die immer wieder im UNESCO-Welterbe Grube Messel ans Tageslicht gebracht werden.

„Weshalb die Skelette im Zusammenhang bleiben, wie in Messel, stellt für die Wissenschaft seit Jahrzehnten ein ungelöstes Rätsel dar“, sagt Dr. Krister Smith aus der Abteilung Messelforschung des Senckenberg Forschungsinstituts Frankfurt. Gemeinsam mit dem Paläontologen Dr. Michael Wuttke aus dem Referat Erdgeschichte der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz hat er anhand des außergewöhnlich gut konservierten Echsenfossils Geiseltaliellus maarius die Erhaltung im Messeler Maarsee untersucht.

Diese Art des etwa 30 Zentimeter langen, baumlebenden Reptils wurde bisher ausschließlich in der Grube Messel gefunden und ist mit den heutigen Eidechsen Mittelamerikas verwandt. Ähnliche Eidechsen gab es während der Zeit des Eozäns – vor etwa 55 bis 34 Millionen Jahren – häufig im damals tropisch-warmen Europa. Die erstbeschriebene Art der Gattung Geiseltaliellus stammt aus dem namensgebenden Geiseltal in Sachsen-Anhalt.
Der Basilisk aus dem Maarsee trug vermutlich einen kleinen Scheitelkamm und sein Schwanz – der bei Gefahr abgetrennt werden konnte – machte Dreiviertel seiner Körperlänge aus.

Nach ihrem Ableben sank die Echse – wie zahlreiche andere Wirbeltiere – als Leiche zum Seeboden hinab. Normalerweise beginnt nun die Arbeit von Mikroorganismen, die unmittelbar nach dem Tod alles organische Weichgewebe zersetzen, so dass ein Skelett letztlich in seine Einzelknochen zerfällt.
Die beiden Wissenschaftler haben die einzelnen Gelenkverbindungen der Echse detailliert analysiert und festgestellt, dass auch an den Messeler Skeletten bakterielle Zersetzungserscheinungen nachzuweisen sind. Der vollständige Abbau von Weichgeweben war jedoch über einen längeren Zeitraum gehemmt. Um eine derartige Konservierung zu erhalten, müssen bestimmte physikalische und chemische Voraussetzungen am Boden des Messel-Sees geherrscht haben.

„Das Bodenwasser des Messel-Sees war sauerstoff-frei“, erklärt Dr. Michael Wuttke und ergänzt: „Unter solchen Bedingungen sind Bakterien nicht in der Lage, die Fette von Leichen vollständig aufzulösen. Aus den frei gesetzten Fettsäuren bildete sich ein wachsartiges, zersetzungsresistentes Leichenwachs und die Kadaver konnten als so genannte ‚Fettwachsleichen‘ über mehrere Jahrzehnte hinweg bis zu ihrer vollständigen Einbettung im Seeboden überdauern, ohne zu zerfallen.“

Die Bildung von Leichenwachs – wissenschaftlich als Adipocire bezeichnet – ist bis heute gelegentlich ein Problem für Friedhofsverwaltungen. Leichname bleiben auf diese Weise auf Jahrzehnte hinweg erhalten. Was für die einen schwierig ist, ist für die anderen ein echter Glücksfall. Die in der Rechtsmedizin gut erforschte Leichen-Konservierung führte unter anderem zum berühmtesten Leichenwachsfund: die etwa 5300 Jahre alte Gletschermumie „Ötzi“ aus Südtirol.
Die Erhaltung von Ötzi weist deutliche Parallelen zur Konservierung der fossilen Wirbeltiere auf, die seit mehr als 150 Jahren in der Grube Messel gefunden werden. Wie der Mann aus dem Eis sind auch die gut erhaltenen Fossilien des Welterbes eine weltweite Besonderheit.

Krister T. Smith and Michael Wuttke (2012): From tree to shining sea: taphonomy of the arboreal lizard Geiseltaliellus maarius from Messel, Germany. In: Wuttke M, Reisdorf AG (eds) Taphonomic processes in terrestrial and marine environments. Palaeobiodiversity and Palaeoenvironments 92(1). DOI:
10.1007/s12549-011-0064-2


Judith Jördens 
Senckenberg Pressestelle
Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen

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