Montag, 7. Oktober 2013

Bremer Physiker erklären extreme Preissprünge an Finanzmärkten

     Ein neuartiges Modell vereint vermeintlich widersprüchliche Ansichten zur Entstehung von extremen Preisschwankungen.
Auch effiziente Märkte sind durchaus krisenanfällig. Die Widersprüchlichkeit zwischen Marktvernunft und irrationalen Kursschwankungen von Finanzmärkten lassen sich in einem Modell erklären. Davon sind die Physiker Professor Klaus Pawelzik und Felix Patzelt von der Universität Bremen überzeugt, die ihr Erklärungsmodell jetzt im open-access Journal der Nature Gruppe „Nature Scientific Reports“ veröffentlicht haben. Bei ihrer Arbeit haben sie sich auf Erkenntnissen der Kognitionswissenschaften gestützt.
Extreme Kursschwankungen kommen an Finanzmärkten ständig vor, kosten Anleger viel Geld und schaden der Wirtschaft. Beispiele hierfür sind der „Schwarze Montag“ 1987 oder sogenannte „Flash-Crashes“, bei denen Preise innerhalb von Minuten heftig einbrechen, um anschließend wieder nach oben zu schnellen. Solche Ereignisse treten viel öfter auf, als durch Nachrichten über die gehandelten Güter erklärt werden kann.
Diese Beobachtung scheint im Widerspruch zur klassischen Vorstellung zu stehen, dass Märkte vernünftig und effizient seien. Dahinter steckt die Idee, dass Märkte im Wesentlichen von außen kommende Informationen absorbieren und so schnellstmöglich stabile und faire Preisgleichgewichte finden. Die beobachteten Preisschwankungen wurden deshalb alternativ durch komplexe Interaktionen vieler, teilweise irrational agierender Händler begründet, bei denen es zu Herdenverhalten kommt.
Die Bremer Physiker Felix Patzelt und Klaus Pawelzik haben nun anhand eines neuen Modells gezeigt, dass diese beiden widersprüchlich scheinenden Ansichten durchaus vereinbar sind. Zunächst erläutern sie, dass auch Marktmodelle mit vielen, individuell nicht rationalen Händlern sehr effizient sein können. Durch Umverteilen von Kapital lernt ein solcher Markt ähnlich den neuronalen Netzen im Gehirn Preisänderungen vorherzusagen.
Wenn nun die Information nicht nur allein von außen kommt, sondern auch die Preisentwicklung berücksichtigt wird, passiert etwas Unerwartetes. In einem solchen hochgradig spekulativen Markt versuchen die Händler nicht nur äußere Entwicklungen vorherzusagen, sondern auch das Verhalten der anderen Händler. Letztendlich sind es die Entscheidungen der anderen Marktteilnehmer die bestimmen, zu welchem Preis zukünftig gehandelt wird. Also spekulieren die Händler gegeneinander. Wenn nun der Markt ihre Strategien effizient ausbalanciert hat, hören sie dennoch nicht auf, nach gewinnversprechenden Trends und Mustern zu suchen. Patzelt und Pawelzik verdeutlichen nun, dass an diesem Punkt gerade ein besonders effizienter Markt sehr anfällig dafür wird, auf kleine Überraschungen mit extremen Preisänderungen zu reagieren. Bereits mit diesem einfachen Modell lassen sich typische Verteilungen extremer Preisschwankungen in vielen Einzelheiten erklären.
Diese jetzt in der online frei zugänglichen Fachzeitschrift Nature Scientific Reports erschienene Arbeit (http://www.nature.com/srep/2013/130927/srep02784/full/srep02784.html) könnte eine wichtige Brücke zwischen den oben beschriebenen gegensätzlichen Forschungsansätzen schlagen. Dadurch könnte sie eines Tages auch mit dazu beitragen, extreme Preisschwankungen zu vermeiden.
Eberhard Scholz PressestelleUniversität Bremen


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