Donnerstag, 12. November 2015

Fossile Bienen waren wählerische Sammler

     Die Vorläufer der Honigbienen waren vor 50 Millionen Jahren ziemlich wählerisch, was das Futter für ihren Nachwuchs anbelangte. Das zeigt eine Studie unter Federführung der Universität Bonn, an der auch Forscher aus Österreich und den USA beteiligt sind. Demnach stammten die Pollen, die die Insekten für ihre Larven sammelten, stets von denselben Pflanzen. Wenn es um das eigene leibliche Wohl ging, zeigten sie sich dagegen nicht so mäkelig: Sie selbst fraßen auf ihren Sammelflügen so ziemlich alles, was ihnen vor die Mundwerkzeuge kam. Die Ergebnisse sind nun im Fachjournal „Current Biologie“ erschienen.

Die Paläontologen hatten versteinerte Bienen von zwei verschiedenen Fundstätten untersucht: der Grube Messel nahe Darmstadt und dem Eckfelder Maar in der Vulkaneifel. Bei beiden handelt es sich um ehemalige Seen. Diese waren so tief, dass an ihrem Grund kein Sauerstoff vorhanden war. Tiere oder Pflanzen, die in das Wasser fielen, wurden daher im Bodensediment hervorragend konserviert.

Dieses Schicksal ereilte vor knapp 50 Millionen Jahren auch zahlreiche Bienen. Viele von ihnen haben sich im Ölschiefer-Gestein ausgezeichnet erhalten. „Wir haben diesen Umstand nun erstmals genutzt, um uns die Pollen am Körper der Bienen genauer anzuschauen“, erklärt Dr. Torsten Wappler. Der Privatdozent am Steinmann Institut für Geologie, Mineralogie und Paläontologie der Uni Bonn ist Erstautor der Studie.

Bienen waren gleichzeitig Generalisten und Spezialisten
Bei den Analysen fiel den Forschern ein merkwürdiges Muster auf: Die Pollen im Kopfbereich, an der Brust und am Hinterleib der Hautflügler kamen von völlig unterschiedlichen Pflanzen. Die Pollen an den Hinterbeinen dagegen stammten überwiegend von immergrünen Büschen, die zudem sehr ähnliche Blüten ausbilden.

Die Hinterbeine der längst ausgestorbenen Hautflügler trugen charakteristische Strukturen. Sie dienten den Bienen als Transportbehälter (unsere heutigen Honigbienen haben an ihren Hinterbeinen ganz ähnliche Vorrichtungen). Die Insekten kämmten mit ihren Vorderbeinen Pollenkörner aus ihren Körperhaaren und übertrugen sie auf die Hinterbeine.

Das klappte aber nur, wenn die Pollen für die Vorderbeine gut genug zu erreichen waren – wir können uns ja auch nur mit Mühe zwischen den Schulterblättern kratzen. „Die Büsche, an denen die Arbeiterinnen die Nahrung für die Larven sammelten, hatten alle einen ähnlichen Blüten-Aufbau“, erklärt Dr. Wappler. „Nach dem Besuch dieser Blüten haftete der Pollen vor allem an Körperstellen, von denen er sich gut auf die Beine übertragen ließ.“

Die Urzeit-Bienen wussten augenscheinlich, bei welchen Pflanzen sie besonders erfolgreich sammeln konnten. Sie flogen daher hauptsächlich diese Blüten an. Wenn sie auf dem Weg dorthin selbst Hunger bekamen, ließen sie sich auf Pflanzen an ihrer Flugroute nieder und naschten von deren Nektar. Wie wenig wählerisch sie bei diesen Snacks waren, zeigen die Pollen, die dabei an ihrem Körper hängen blieben.

Nahrungssuche ohne Zeitverschwendung
„Für die Bienen war das eine vorteilhafte Strategie“, betont Dr. Wappler. „Bei der Nahrungssuche für die Larven besuchten sie Blüten, die einen hohen Ertrag bei wenig Aufwand versprachen. Auf dem Weg dorthin fraßen sie dagegen, was sich ihnen anbot. Sie vergeudeten also keine Zeit mit der Suche nach besonders schmackhafter oder gehaltvoller Nahrung.“

Einen Punkt fanden die Wissenschaftler besonders überraschend: Die Bienen aus dem Eckfelder Maar waren 44 Millionen Jahre alt, die aus Messel dagegen 48 Millionen. Dennoch zeigten sie ein sehr ähnliches Pollenmuster an Beinen und Körper. Auch bei Vorläufern unserer heutigen Hummeln war die Verteilung sehr ähnlich. Die Doppelstrategie scheint also unter verschiedenen Arten verbreitet gewesen zu sein und sich über Millionen von Jahren stabil erhalten zu haben.

Auch unsere Honigbienen gehen heute noch ähnlich vor. Möglicherweise verhielten sich sogar schon die allerersten Bienen so, die vor rund 100 Millionen Jahren die Erde bevölkerten. „Leider gibt es aus dieser Zeit keine Funde, die eine Analyse der Pollen zulassen“, bedauert Dr. Wappler.

Publikation: Torsten Wappler, Conrad C. Labandeira, Michael S. Engel, Reinhard Zetter und Friðgeir Grímsson: Specialized and generalized pollen-collection strategies in an ancient bee lineage; Fachjournal „Current Biologie“

Johannes Seiler Dezernat 8 - HochschulkommunikationRheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn


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