Donnerstag, 5. November 2015

Südliche Tropen als Wiege der Wirbeltierbiodiversität im Erdaltertum

     Ein internationales Team von Wissenschaftlern um Jörg Fröbisch, Professor für Paläontologie und Evolution am Museum für Naturkunde Berlin, entdeckte eine neue, 278 Millionen Jahre alte fossile Wirbeltierfauna mit neuen Amphibienarten und einem Reptil im Nordosten Brasiliens, die neue Erkenntnisse über die frühen Verbreitungsmuster von Landwirbeltieren liefert. Die Ergebnisse werden diese Woche in Nature Communications veröffentlicht.

Vor 278 Millionen Jahren im Zeitalter des unteren Perm sah die Welt noch ganz anders aus. Die heutigen Kontinente waren nicht nur zu einer einzigen Landmasse, dem Superkontinent Pangäa, verschmolzen, sondern haben auch viel urtümlichere Tiere als heute beheimatet. Fast das gesamte Wissen über Landwirbeltiere aus dieser Zeit kommt aus dem südlichen Nordamerika und Westeuropa, die damals nahe des Äquators auf der Nordhalbkugel lagen. Dabei gab es bis heute nur wenige Informationen darüber, welche Tiere in den südlichen Tropen gelebt haben, die heute eine der artenreichsten Regionen der Erde darstellen.


In der in Nature Communications veröffentlichten Studie werden zwei neue Arten beschrieben, beide repräsentieren archaische aquatische und fleischfressende Amphibien. Die eine Art, Timonya annae, war ein kleines, voll aquatisches Amphib mit Reißzähnen und externen Kiemen, dass etwa wie eine Kreuzung aus einem modernen Axolotl und einem Aal aussah. Die zweite neue Art, Procuhy nazariensis, bedeutet “Feuerfrosch” in der Timbira Sprache, die zur indigenen amerikanischen Sprachfamilie der Jê-Sprachen gehört und im Nordosten Brasiliens heimisch ist. Procuhy lebte weder im Feuer noch ist die Art mit modernen Feuerfröschen verwandt, sondern ist ein entfernter Verwandter heutiger Salamander und Frösche. Er gehörte zu einer heute ausgestorbenen Amphibiengruppe, die im Perm sehr verbreitet war. Procuhy ist nach der geologischen Formation, der Pedra de Fogo (“Stein des Feuers”) Formation, benannt, in der die Art vorkommt und die ihren Namen wiederum aufgrund ihres Reichtums an Feuerstein hat.

Zusätzlich zu den beiden neuen Arten beschreibt das internationale Team ein etwa 50 cm langes Amphib, dessen nächste Verwandte später in Gondwana, also dem südlichen Teil des Superkontinentes gelebt haben sowie eine echsenartige Reptilart, Captorhinus aguti, die bisher ausschließlich wesentlich weiter nördlich aus Nordamerika bekannt war. Die neuen Funde in Brasilien geben neue Einblicke in die frühen Verbreitungsmuster der Landwirbeltiere und wie sie sich in neue Regionen ausbreiteten.

„Unsere neuen Funde deuten darauf hin, dass die südlichen Tropen bereits vor 278 Millionen Jahren möglicherweise eine bedeutende Wiege der Biodiversität in den höheren Breiten des späteren Perm darstellten“, so Jörg Fröbisch. „Diese Hypothese wird durch zukünftige Studien getestet werden müssen, da definitive Aussagen aufgrund der wenigen bisher gefundenen Fossilien noch nicht möglich sind. Besondere Hoffnung liegt in der zukünftigen Entdeckung weiterer, heute noch unbekannter Fossilfundstellen in den Paläotropen.“

Diese Forschung ist Teil eines kollaborativen Projektes unter der gemeinsamen Leitung von Prof. Jörg Fröbisch (Museum für Naturkunde Berlin, Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung; Institut für Biologie, Humboldt-Universität zu Berlin) mit dem Erstautor der Studie Dr. Juan Cisneros (Universidade Federal do Piauí, Teresina, Brasilien) und Dr. Kenneth Angielczyk (Field Museum of Natural History, Chicago, USA) mit weiteren Teilnehmern des Museums für Naturkunde Berlin, der Universidad de Buenos Aires (Argentinien), dem Iziko South African Museum und der University of the Witwatersrand (Südafrika), dem Natural History Museum (Großbritannien), und der Saint Xavier University in Chicago (USA).

Das Projekt wurde durch folgende Mittel finanziert: Sofja Kovalevskaja Award der Alexander von Humboldt-Stiftung und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung, Natural History Museum of London, Negaunee Foundation, The Grainger Foundation, The Field Museum, Conselho Nacional para a Ciência e Tecnologia, National Geographic Committee for Research and Exploration, Universidad de Buenos Aires Ciencia y Técnica.


Publikation: Der Artikel wird am Donnerstag, dem 05.11.2015 in der Zeitschrift Nature Communications publiziert.
Cisneros et al. (2015) New Permian fauna from tropical Gondwana. Nature Communications 6:8676. DOI: 10.1038/ncomms9676    

Dr. Gesine Steiner PressestelleMuseum für Naturkunde - Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung




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