Donnerstag, 15. September 2016

Jungsteinzeitliche Himmelsbeobachtung: Ausgrabung von Kultanlage bei Quedlinburg abgeschlossen

     Durch mehrjährige Ausgrabungen konnten Archäologen der Freien Universität Berlin in Kooperation mit dem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt zeigen, dass eine kreisförmige Kultanlage mit einem Durchmesser von 98 Metern aus der frühen Jungsteinzeit (ca. 4800 v. Chr.) in der Nähe von Quedlinburg vermutlich der Himmelsbeobachtung diente. Die Ergebnisse des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekts „Gebautes Wissen“ wurden am heutigen 14. September am Ausgrabungsort vorgestellt.


Eine Lücke im äußeren Grabenring war auf den 40 Kilometer entfernten Brocken ausgerichtet, an dessen Flanke man zu den Tag- und Nachtgleichen die Sonne untergehen sah. Weitere astronomische Untersuchungen legen zudem nahe, dass durch die nach Südost und Südwest ausgerichteten Tore der Auf- und Untergang des Sirius, des hellsten Fixsternes am Nachthimmel, beobachtet werden konnte. Insgesamt bestand die Anlage aus zwei konzentrischen Gräben sowie einem dritten unvollständigen Graben, mit jeweils einer Tiefe von 2,5 m und einer Breite von 3 m. „Einzelne Mitglieder der jungsteinzeitlichen Gesellschaft verfügten über komplexes Wissen“, sagt Prof. Dr. Wolfram Schier, Professor für Prähistorische Archäologie an der Freien Universität Berlin, der die Grabungen leitete. „Sie scheinen über genug Autorität oder Überzeugungskraft verfügt zu haben, um andere zu einer beträchtlichen gemeinschaftlichen Arbeitsleistung für eine monumentale Anlage ohne erkennbaren ökonomischen Nutzen zu motivieren.“

Die Forschungsergebnisse im Einzelnen:
Die jungsteinzeitliche Kreisgrabenanlage Quedlinburg I – ein „Monument des Wissens“ aus dem frühen fünften Jahrtausend v. Chr.

FundstelleKnapp nördlich der Stadt Quedlinburg im Nordharzvorland wurde bereits im Jahr 2000 aus der Luft durch Wuchsunterschiede im reifen Getreidefeld eine mehrfache ringförmige Grabenstruktur entdeckt. Eine geophysikalische Prospektion, bei der in Bodennähe geringe Abweichungen des Erdmagnetfelds registriert und zu einem hochaufgelösten Bild zusammengesetzt werden, erbrachte 2003 einen detaillierten Plan der Anlage. Sie besteht aus zwei konzentrischen, etwas unregelmäßigen Grabenringen, die im Süd- bis Nordwesten von einem dritten äußeren Graben eingefasst werden. An vier Stellen sind die Gräben unterbrochen und durch je zwei radial verlaufende Torgräben verbunden. In der geophysikalischen Prospektion konnten jedoch nur zwei dieser Tore sicher nachgewiesen werden. Die Tore im Südosten und Südwesten wurden, ebenso wie eine respektive zwei entlang der Innenseite des Grabens verlaufenden Palisaden erst durch die Ausgrabungen nachgewiesen.

Grabungen und Ergebnisse
Seit 2010 untersucht das Institut für Prähistorische Archäologie der Freien Universität Berlin in Kooperation mit dem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt (Halle/Saale) diese sogenannte Kreisgrabenanlage, die in einen Abschnitt der Jungsteinzeit (ca. 4800-4700 v. Chr.) datiert werden kann. Seit 2012 wird das Projekt „Gebautes Wissen“ von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. Die Ausgrabungen gehen in diesem Monat zu Ende.

Die bisherigen Untersuchungen haben erstaunliche Einsichten in die Planung und Ausführung dieser Anlage erbracht. Sie bestand aus drei ringförmigen, ursprünglich rund 2,5 m tiefen und 3 m breiten Gräben mit V-förmigem Querschnitt und einer, abschnittsweise zwei parallelen Innenpalisaden. Die vier Tore waren exakt auf jeweils in Blickrichtung gelegene Landmarken ausgerichtet, wie eine genaue Untersuchung anhand eines hochaufgelösten Computermodells der umgebenden Topographie ergab. Der äußere Graben weist zusätzlich zwei Unterbrechungen ohne aufwendige Torkonstruktion auf. Eine dieser Grabenlücken ist genau auf den 40 km entfernten Brocken ausgerichtet, an dessen Flanke man zu den Tag- und Nachtgleichen im 48. Jhd. v. Chr. die Sonne untergehen sah.

Die Kreisgrabenanlage von Quedlinburg lässt sich, sowohl was ihre Zeitstellung, als auch ihre kulturhistorische Bedeutung betrifft, dem bekannten und wiederaufgebauten „Sonnenobservatorium“ von Goseck (Burgenlandkreis) an die Seite stellen. Sie weist allerdings bedeutsame Unterschiede in der Konzeption, der baulichen Ausführung und den astronomischen Bezügen auf. So kann für alle vier Tore eine Orientierung auf Sonnenauf- oder -untergänge zu bestimmten Jahreszeiten (vor allem Winter- und Sommersonnwende) ausgeschlossen werden. Genauere astronomische Untersuchungen ergaben, dass in den nach Südost und Südwest ausgerichteten Toren offenbar der Auf- und Untergang des Sirius (im Sternbild Großer Hund), des hellsten Fixsternes am Nachthimmel beobachtet werden konnte.
Die Kreisgrabenanlagen von Quedlinburg und Goseck unterscheiden sich aber auch in der Anzahl und Gestaltung ihrer Tore, was belegt, dass in der Jungsteinzeit diese einmal entwickelte Idee keineswegs einfach nur kopiert wurde.

Die mehrjährigen Ausgrabungen bei Quedlinburg haben nicht nur eine längere vorausgehende Beobachtungsdauer bei der Standortwahl sowie große Sorgfalt bei der Planung der Anlage gezeigt, sondern belegen erstmalig auch vorausschauende Schutzmaßnahmen ihrer Erbauer. So wurden Abschnitte der Spitzgräben, die unterhalb der Lössauflage in eiszeitliche Schotterschichten eingegraben worden waren, durch das Aufbringen von zähen Lehmaufträgen gegen Erosion geschützt.
Deutung von Kreisgrabenanlagen

Die Archäologie geht seit mehr als einem Jahrzehnt davon aus, dass Kreisgrabenanlagen wie Goseck und Quedlinburg, aber auch die meisten anderen aus einem weiten Gebiet von Westungarn und Niederösterreich über Mähren und Böhmen bis nach Mitteldeutschland, keine Befestigungen oder Siedlungen darstellen. Sie werden vielmehr als Kultanlagen gedeutet, für die teils astronomische Bezüge wahrscheinlich gemacht werden konnten. Sofern es sich um die Orientierung von Toren auf Sonnenauf- oder -untergänge handelt, liegt ein Zusammenhang mit jahreszeitlich festgelegten Ritualen und Festen nahe.

Besondere Bedeutung der Quedlinburger Anlage
Die Kreisgrabenanlage von Quedlinburg ist die erste ihrer Art, für die eine Orientierung aller Tore auf markante Anhöhen und Berge in der Umgebung nachweisbar ist, aber auch ein Bezug auf die Auf- und Untergangspunkte besonders heller Sterne wahrscheinlich ist. Dies setzt eine besonders komplexe und sorgfältige Beobachtung über mehrere Jahre voraus, ehe man überhaupt mit dem Bau begann. Vermutet wird, dass nicht alle, sondern nur einzelne Mitglieder dieser jungsteinzeitlichen Gesellschaft über dieses komplexe Wissen verfügten, das sie einsetzten, um ihre Mitmenschen zu beeindrucken und Prestige zu gewinnen. Sie scheinen über genug Autorität oder Überzeugungskraft verfügt zu haben, um andere zu einer beträchtlichen gemeinschaftlichen Arbeitsleistung für eine monumentale Anlage ohne erkennbaren ökonomischen Nutzen zu motivieren.

Weitere Informationen:
http://www.geschkult.fu-berlin.de/e/praehist/forschungsprojekte/Aktuelle_Forschu...http://www.lda-lsa.de/aktuelles/meldung/datum/2016/09/14/jungsteinzeitliche_himm...

Dr. Nina Diezemann Stabsstelle für Presse und KommunikationFreie Universität Berlin


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